Andrea Sakoparnig Was und wozu ist Adornos Ästhetische Theorie? Von der Schwierigkeit, den Anspruch der Ästhetischen Theorie zu verstehen Einleitung Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie ist ein eigensinniges Gebilde. Dies artikuliert schon ihr Titel. 1 Er lässt uns zwar im Unklaren darüber, was genau wir bei einer ›Ästhetischen Theorie‹ erwarten dürfen, er eröffnet allerdings eine ganze Reihe an möglichen Auslegungen – und Fragen. So könnte es sich bei der Ästhetischen Theorie um eine Theorie über Ästhetisches, also schlicht eine Ästhetik handeln. Mindestens ebenso naheliegend wäre es jedoch anzunehmen, dass der Titel eine Theorie anzeigt, die ästhetisch ist, eine ästhetische Theorie also. Ist die Ästhetische Theorie nun das eine oder das andere? Gar beides? Bei- des gleichermaßen? Oder eher bzw. mehr das eine und weniger das andere? Es scheint, als deutete der Titel eine innige, verschränkte Beziehung beider Auslegungen an. Sollten wir daher davon ausgehen, dass die Ästhetische Theo- rie das eine ist, indem sie auch das andere ist? Oder sollten wir, mehr noch, davon ausgehen, dass sie das eine nur sein kann, indem sie auch das andere ist? Müssten wir gar davon sprechen, dass sie das eine sein muss, um (auch) das andere zu sein bzw. sein zu können? Je nachdem wäre diskussionswürdig, ob die Ästhetische Theorie ästhetische Theorie sein muss, um Theorie über Ästheti- sches sein zu können; oder ob sie Theorie über Ästhetisches sein muss, um als Theorie überhaupt ästhetisch zu sein bzw. werden zu können. Dies wiederum evozierte die Frage, ob Theorie nur ästhetisch sein muss (oder kann), wenn der Gegenstand, auf den sie sich bezieht, ästhetisch ist – und sonst nicht. Ist also die Theorie in der Ästhetischen Theorie ästhetisch um des Ästhetischen willen oder ist die Ästhetische Theorie Theorie über Ästhetisches um des Ästhetisch- Seins (oder: -Werdens) von Theorie willen? Ist mit dem ästhetisch-Sein von || 1 Der Titel ›Ästhetische Theorie‹ stammt von Theodor W. Adorno selbst und wurde nicht etwa post mortem von den Herausgebern Gretel Adorno und Rolf Tiedemann gesetzt; vgl. Schopf 2003, S. 665. Erschienen in: »Text/Kritik: Nietzsche und Adorno« [= Textologie 2], hrsg. von Martin Endres, Axel Pichler und Claus Zittel (Berlin, Boston 2017), S. 97–154 < unkorrigierte Druckfahne >