Eine kulturhistorische Betrachtung des technischen Fortschritts Von Professor Dr. Ortwin Renn 1. Einleitung " Zweifellos gibt es auf der Erde, ja sogar in allen Liindern noch Platz für einen erheblichen Bev61kerungszuwachs ... und ein Wachstum der Wirtschaft. Ich muß jedoch gestehen, daß ich keinen Grund sehe, dies zu wünschen, selbst wenn es unschlidlieh wlJre. Es ist . .. nicht sehr befriedigend, wenn man sich die Welt genauer vorstellt, in der nichts mehr der Spontaneität der Natur überlassen ist: ... und kaum Platz übrig ist, wo ein Busch oder eine Blume wild wachsen k6nn- te, ohne im Namen des landwirtschaftlichen Fortschritts als Unkraut ausgerissen zu werden. Wenn die Erde den großen Teil ihrer Anmut verlieren muß, den sie solchen Dingen verdankt, die bei unbegrenztem Wirtschafts- und Bev6lkerungs- wachstum von ihr verschwinden würde und dies nur zu dem Zwecke, eine gr6ße- re, nicht aber auch eine bessere und glücklichere Bev61kerung auf ihr zu erhal- ten, dann kann ich nur der Nachwelt willen hoffen, daß sie mit einem stationä- ren Zustand zufrieden sein wird, ehe er ihr von den Notwendigkeiten aufge- zwungen wird. " Dieses Zitat klingt vertraut. Es könnte von Petra Kelly, Robert Jungk oder einem anderen Vordenker der ökologischen Bewegung stammen. Das Interessan- te an diesem Zitat ist aber nicht so sehr der Inhalt, sondern das Datum der Nie- derschrift. Es handelt sich nämlich nicht um einen zeitgenössischen Autor, der grün-ökologisches Gedankengut verbreiten will. Vielmehr handelt es sich um den bekannten Ökonomen und Philosophen John Stuart Mill, der diese Zeilen in seinem Buch" The Principles of Political Economy" im Jahre 1843 schrieb - also vor mehr als 140 Jahren. In dieser Zeit hat sich die Bevölkerung in Deutsch- land wie die in Großbritannien mehr als verdoppelt, das Bruttosozialprodukt pro Kopf hat sich ungefähr um das 12fache gesteigert, die Industrieproduktion erhöhte sich sogar um das 20fache. Dennoch: der Anteil der Waldflächen ist in beiden Ländern größer und nicht kleiner geworden. Mit weniger Grundfläche als damals können heute wesentlich mehr Menschen ernährt werden als Mitte des letzten Jahrhunderts. Trotz aller Eingriffe der Menschen in die Natur kann man auch heute noch oder gerade wieder heute ursprüngliche Landflächen bewun- dern und erwandern. Wie kommt es aber, daß ein solches Zitat von John Stuart Mill so aktuell, ja geradezu prophetisch wirkt? 65