Völkerwanderungen in Herodots Geschichtswerk: Indogermanische Männerbünde und Landnahmesagen George Hinge Aarhus Universitet 1 Das Wort Völkerwanderung kam in der Nachkriegszeit verständlicher‑ weise aus der Mode, nachdem es dem rassistischen Gebrauch skrupelloser Forscher und Laien zum Opfer gefallen war. An die Stelle der kriegerischen Aggression der Streitaxt schwingenden patriarchalischen Arier, die paziis‑ tische und matriarchalische, meist dunkelhäutige Ureinwohner unterzwan‑ gen, setzte die neue Archäologie Begrife wie multiregionale Entwicklung und Difusion ein. Es habe dementsprechend womöglich kein urindoger‑ manisches Volk, sondern nur intensiven Sprachausgleich gegeben. Dem ver‑ pönten Modell der Völkerwanderung haben die altgriechischen Historiker immerhin vorgegrifen. Ich werde in diesem Aufsatz zwei Beispiele für Völ‑ kerwanderungen in Herodots Geschichtswerk, die Skythenwanderung im vierten Buch und die Hellenenwanderung im ersten Buch, näher untersu‑ chen. Die Frage ist, welchen historischen Wert man ihnen beimessen darf, ob sie wahrhate Testimonien der Iranisierung des nördlichen Schwarzmeer‑ raumes bzw. der Hellenisierung der südlichen Balkanhalbinsel sind, oder ob wir es vielmehr mit reiner Konstruktion zu tun haben. Ich werde Herodots historische Darstellung in ihren mythischen Kontext einsetzen. Es wird sich herausstellen, dass der Mythos doch einen Beitrag zur indogermanischen Urgeschichte liefern kann. Herodot präsentiert zwei mythische Erklärungen für die Herkunt der Skythen: eine skythische Fassung, die das Volk von einem Urmenschen na‑ mens Targitaos, dem Sohn des Zeus und des Flusses Borysthenes, herleitet (4.5–7), und eine lokale griechische Fassung, der zufolge die benachbarten Barbarenstämme einer Beziehung zwischen Herakles und einer chthoni‑ schen Göttin entsprangen (4.8–10). Er entscheidet sich jedoch für eine dritte Erklärung, und zwar die, dass die Skythen nicht aus dem Boden Skythiens stammen, sondern dorthin aus Zentralasien eingewandert seien (4.11–13). Die Rede ist explizit von einer Völkerwanderung, die von den zentralasia‑