Rekonstruktive Sozialforschung im Spannungsfeld von Wissen, Sexualität und Medien Maria Schreiber & Philomena Pötscher Sexualität in Medien ist ein gerne beforschtes, skandalisiertes und erregendes Thema in Alltag und Wissenschaft. Medien wird oft eine machtvolle Position zugeschrieben, wenn es darum geht, Vorstellungen, Werte und Bilder von Sexualität in unseren Köpfen zu verankern. Viele Studien fragen daher nach kausalen Zusammenhängen zwischen der Rezeption bestimmter Darstellungen und dem sexuellen Handeln. Alternativ dazu wollen wir eine ganzheitliche Perspektive enwickeln und in unserem Beitrag der Frage nachgehen, wie Wis- sen über Sexualität zu historisch unterschiedlichen Zeitpunkten medial vermit- telt wurde bzw. über Medien in das Leben von Frauen getreten ist: Welche Relevanz hatten und haben welche Medien im Kontext von Sexualität? Wie wurde und wird Wissen über Sexualität medial vermittelt und angeeignet? Wie bieten Medien aber auch Räume für Imagination? Ziel ist es zu zeigen, wie der Prozess der Aneignung von Wissen über und von Sexualität kulturell, sozial und vor allem medial situiert ist. Am Beispiel von Gruppendiskussionen mit Frauen unterschiedlicher Generationen wird sichtbar werden, wie das Aufwachsen zu einer bestimmten Zeit und damit auch der Prozess der sexuellen Sozialisation kulturell und medial unterschied- lich eingebettet sein kann. Rekonstruktive Sozialforschung wird dabei als em- pirischer Weg für die Medienforschung und damit auch für eine mediensensib- le Kulturpsychologie herausgearbeitet. Diese konkrete thematische Auseinandersetzung ist gerahmt von einer Re- flexion unserer eigenen wissenschaftliche Sozialisation und Forschungspraxis: Was mit empirischer Forschung in unseren Diplomarbeiten begann, wurde zu einer methodologischen Positionierung und zu einer bestimmten Perspektive auf Welt und Wissenschaft, die wir in unser heutiges Tun in Lehre und For- schung integriert haben. Die Menschen und Institutionen, die uns in den ver- gangenen zehn Jahren begegnet sind, haben unser Werden sowohl mitgeprägt und vorangetrieben als auch blockiert und gebremst – bewegt man sich abseits des Mainstreams, steht man öfter im Gegenwind. Das Institut für Kulturpsy- chologie und qualitative Sozialforschung (ikus) war für uns immer ein Ort, an dem unserer wissenschaftlichen Praxis zwar kritisch, aber stets konstruktiv und zugewandt begegnet wurde und wird. Der zehnjährige Geburtstag von ikus ist somit gleichzeitig ein persönliches Jubiläum unserer Freundschaft. Schreiber, M., & Pötscher, P. (2017). Rekonstruktive Sozialforschung im Spannungsfeld von Wissen, Sexualität und Medien. In T. Slunecko, M. Wieser, & A. Przyborski (Eds.), Kulturpsychologie in Wien (pp. 170–187). facultas.