Aus den Augen, aus dem Sinn …– Die Pflanzenreste aus dem mittelalterlichen Abwasserkanal der Grabung Am Hof 10, Wien 1 Andreas G. Heiss/Ursula Thanheiser Einleitung Während der Grabungen 2008 und 2009, die im Zuge der Unterkellerung der Zentralfeuerwache (Am Hof 10) durchgeführt wurden, traten zahlreiche römer- zeitliche bis frühneuzeitliche Befunde zutage, von denen einige bereits archäo- botanisch bearbeitet und publiziert wurden. 1 Angrenzend an die Nordmauer eines Gebäudes wurde während der Grabungen unter anderem ein mittelalter- licher Abwasserkanal (13.14. Jahrhundert) freigelegt, dessen Kanalsohle und Abdeckung aus Steinplatten sowie die Seitenmauern aus Ziegeln noch erhalten waren (siehe Beitrag M. Mosser et al., 4 ff.). Der Kanal war vollständig mit Se- dimenten verfüllt, die Gegenstand der hier vorliegenden archäobotanischen Analyse sind. Material und Methoden Erhaltungsbedingungen In den gut durchlüfteten wechselfeuchten Böden Mitteleuropas sind die Erhal- tungsbedingungen für pflanzliches Material gemeinhin sehr schlecht. 2 Sie ver- bessern sich umso deutlicher, je ungünstiger die Lebensbedingungen für Bodenorganismen werden 3 oder je stärker das Pflanzenmaterial vor oder während der Ablagerung chemisch verändert wurde. Die in hiesigen archäolo- gischen Grabungen am häufigsten anzutreffende Belegform von Pflanzenres- ten stellt der verkohlte Zustand dar, für den das Material durch Feuereinwirkung unter Sauerstoffmangel 4 eine chemische Reduktion zu nahezu reinem Kohlen- stoff durchlaufen hat. Zwar bleiben verkohlte Reste aufgrund ihrer chemischen Reaktionsträgheit über Jahrtausende unzersetzt, doch wird bereits durch die Feuereinwirkung der Großteil des ursprünglichen Pflanzenmaterials vernichtet oder so stark deformiert, dass es nicht mehr bestimmbar ist. In Fundkontexten wie dem beprobten Abwasserkanal sind aber noch weitere Erhaltungsformen anzutreffen, die das zu erwartende Spektrum an Pflanzenresten beträchtlich er- weitern können: Der hohe Gehalt an Phosphaten in Fäkalien führt bei pflanzlich- em Material manchmal zur sogenannten Mineralisierung, dem Ersetzen des ur- sprünglichen Gewebes durch Calciumphosphat, 5 einer besonders in Latrinen häufig anzutreffenden Erhaltungsform. Aufgrund des Fundkontextes war grundsätzlich auch mit der Erhaltung von unverkohlten, feucht konservierten Pflanzenresten zu rechnen: Das wohl ursprünglich staunasse Material war zum Zeitpunkt der Grabung aber bereits ausgetrocknet, was sicherlich die Zer- störung eines Teils des einstmals vorhandenen unverkohlten Materials zur Fol- 1 S. Wiesinger/U. Thanheiser, Erste Ergeb- nisse von Pflanzengroßrest-Analysen der Gra- bung Am Hof 710, Wien 1. FWien 12, 2009, 114123. 2 St. Jacomet/A. Kreuz, Archäobotanik. Aufgaben, Methoden und Ergebnisse vegeta- tions- und agrargeschichtlicher Forschung (Stuttgart 1999) 5556. 3 Beispielsweise in Permafrost, bei Sauer- stoffmangel durch Staunässe (Feuchterhal- tung), bei extrem niedrigen pH-Werten oder bei Anreicherung toxischer Salze (vgl. Jaco- met/Kreuz [Anm. 2] 5659). 4 Jacomet/Kreuz (Anm. 2) 5962. 5 Vgl. etwa L.-J. Marshall/M. J. Almond/ S. R. Cook/M. Pantos/M. J. Tobin/L. A. Tho- mas, Mineralised Organic Remains from Ces- spits at the Roman Town of Silchester: Proc- esses and Preservation. Spectrochimica acta Part A. Molecular and biomolecular spectros- copy 71/3, 2008, 854861. 6 Vgl. ähnliche Fälle in Ch. Brombacher/ A. Rehazek/M. Veszeli, Entscheidend ist, was hinten herauskommt .... Archäobiologi- sche Untersuchungen von Latrinenfüllungen am Beispiel der Städte Basel und Schaffhau- sen. Mitt. Arbeitsgemeinschaft Arch. Mittelal- ter u. Neuzeit 11, 2000, 3639. 64 Aufsätze A. G. Heiss/U. Thanheiser, Aus den Augen, aus dem Sinn . . .