DZPhil 2016; 64(3): 479–486 Susanne Schmetkamp* Sich gegenseitig erzählend verstehen DOI 10.1515/dzph-2015-0035 Thiemo Breyer. Verkörperte Intersubjektivität und Empathie. Frankfurt am Main, Vittorio Klostermann, 2015, 311 S. Thiemo Breyer greift in seinem Buch Verkörperte Intersubjektivität und Empathie mindestens zwei aktuelle Trends in der Philosophie des Geistes auf, nämlich Verkörperung und Empathie. In jüngster Zeit kann es zudem geradezu als ein dritter Trend ausgewiesen werden, dass diese beiden Themenbereiche zusam- mengedacht werden, so dass sich die seit einigen Jahrzehnten geführte und noch lange nicht an ihr Ende angelangte Diskussion um Empathie derzeit vor allem auf die Phänomenologie der Verkörperung in der Empathie hin verschiebt. Empathie, so die allgemeinste Bestimmung, verschafft uns einen Zugang zu den Bewusstseinszuständen anderer: Empathisch vollziehen wir Gefühle und andere mentale Prozesse nach. Was dies aber alles impliziert, ob wir zum Beispiel dabei auch das gleiche fühlen wie das empathisierte Subjekt, ob Empathie auch ein moralisches (Mit-)Gefühl ist und welche Rolle der Leib spielt – darum drehen sich die wichtigsten Diskussionen, die, das sei am Rande erwähnt, nicht nur in der Philosophie des Geistes, sondern vor allem auch in der Literatur- und Film- philosophie, hier mit Blick auf unser emotionales Involviertsein in die Geschich- ten fiktiver Charaktere, geführt werden.1 Systematisch führen kognitivistische Ansätze aus dem Umfeld der Theory of Mind die Diskussion an, nämlich die so genannte Theory Theory und die Simulationstheorie, sowie die diese beiden The- orien scharf kritisierenden phänomenologischen Ansätze, denen die kognitivis- tischen Theorien zu kognitivistisch sind und die darum das zwischenleibliche Engagement im empathischen Prozess stärker berücksichtigt sehen wollen. 2 1 Vgl. als eine Auswahl unter vielen N. Carroll, On some Affective Relations between Audiences and the Characters in Popular Fictions, in: A. Coplan u. P. Goldie (Hg.), Empathy. Philosophical and Psychological Perspectives, Oxford, 2001 , 162–184; G. Currie, Imagination as Simulation: Aesthetics Meets Cognitive Science, in: M. Davies u. T. Stone, Mental Simulation, Oxford 1995, 151–169; M. B. Vaage, Fiction Film and the Varieties of Empathic Engagement, Midwest Studies in Philosophy 34 (2010), 158–179. 2 Diskursleitend sind hier Texte von D. Zahavi, Self and Other: Exploring Subjectivity, Empathy, and Shame, Oxford 2014, und S. Gallagher, How the Body Shapes the Mind, Oxford 2005, zu nennen. *Kontakt: Susanne Schmetkamp, susanne.schmetkamp@unibas.ch