JAHRBUCH FÜR KRITISCHE MEDIZIN 44 98 Ullrich Bauer Ullrich Bauer Gesundheit im ökonomisch-ethischen Spannungsfeld Bemessen an der Rasanz, mit der sich ökonomisch motivierte Verände- rungen im deutschen Gesundheitswesen vollziehen, verläuft die wissen- schaftliche Beschäftigung mit der Thematik immer noch schleppend. Faktisch existiert bis heute, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Empirie der Ökonomisierung im Gesundheitssektor. In den Sozial- und Gesundheitswissenschaften wird damit ein gesellschaftlicher Mega- trend nur selten überhaupt zur Kenntnis genommen. Kaum Beach- tung findet, dass Gesundheitspolitik in Deutschland zum Bestandteil einer seit den 1980er Jahren – international sogar mehrheitlich früher – massiv beschleunigten Ökonomisierungsdynamik geworden ist, mit der die Aufrechterhaltung eines Angebots öffentlich garantierter Güter und Dienstleistungen immer mehr in Frage gestellt wird. Das gilt für den Gesundheitsbereich genauso wie für das Erziehungs- und Bildungs- wesen, es betrifft die Energie- und Wasserversorgung, den so genannten kulturellen Sektor, öffentliche Verkehrsnetze etc. (Dickhaus/Dietz 2004). Die viel beklagte Überlastung der öffentlichen Finanzhaushalte ist dabei keinesfalls nur Triebrad, sozusagen unhintergehbarer Sachzwang hinter einer solchen Ökonomisierungsbewegung. Vielmehr vollzieht sich im konservativ-korporatistischen Wohlfahrtsstaat eine ultraliberalistisch ge- prägte Transformation. Man könnte auch sagen, der traditionelle Wohl- fahrtsstaat durchlebt eine kollektive neoliberale Konversion (Bourdieu 1997). In dem Prozess, in dem der Umbau des Sozialstaates die Institutionen der gesundheitlichen Versorgung berührt, wird die Frage gesellschaft- licher Konsequenzen immer virulenter. Mit dem Gut Gesundheit wird das wahrscheinlich sensibelste vitale menschliche Bedürfnis bezeich- net. In einem nicht unerheblichen Unterschied zu anderen bedeutsamen Mangellagen (Zugang zu Wohnung, Bildung, Arbeit etc.) haben ge- sundheitliche Beeinträchtigungen und das Vorenthalten von Leistungen direkte drastische Folgen. Um so mehr ist zu vermuten, dass damit auch die Konsequenzen einer weiteren wohlfahrtsstaatlichen Deformation von den Betroffenen – Nutzern wie Beschäftigten des Gesundheits- wesens – unmittelbarer als bisher erfahren werden. Der vorliegende Beitrag setzt hier an. Er fragt nach den Auswirkungen, die sich durch den