Geschichte der Urologie Urologe 2016 · 55:1605–1607 DOI 10.1007/s00120-016-0279-y Online publiziert: 24. November 2016 © Springer Medizin Verlag Berlin 2016 F. H. Moll 1,2,3 · M. Krischel 1 1 Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf, Deutschland 2 Museum, Bibliothek und Archiv zur Geschichte der Urologie, Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V., Düsseldorf, Deutschland 3 Urologische Klinik, Kliniken der Stadt Köln gGmbH, Köln, Deutschland Der Urologe Eugen Joseph und sein Suizid im Dezember 1933 Der Urologe Eugen Joseph und sein Suizid im Dezember 1933 Eugen Joseph (1879–1933) gilt als Er- finder der Chromozystoskopie und war Herausgeber von Lehrbüchern in meh- reren Auflagen zur Endourologie [1, 2] und zur urologischen Radiologie [3, 4]. Er war ein bedeutender Hochschul- lehrer in Berlin für ein aufstrebendes, noch nicht fest etabliertes medizinisches Fachgebiet [5]. 1 Zusammen mit Leopold Casper (1859–1959) und Alexander von Lichtenberg (1880–1949), die beide in den 1930er-Jahren aus Deutschland ver- trieben wurden und dem früh national- sozialistisch eingestellten Otto Ringleb (1875–1946), der 1937 den ersten Lehr- stuhl für Urologie in Deutschland erhielt, gehörte Joseph zu den Hauptrepräsen- tanten der Berliner Urologenschule [6] (. Abb. 1). Sein Name ist heute in der deutschen und internationalen Medizin in Verges- senheit geraten. Joseph wurde Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Er beendete sein Leben selbst am 24. De- zember 1933 in Berlin, kurz nachdem er seine Lehrbefugnis an der Fried- rich-Wilhelms- (heute: Humboldt-) 1 Obwohl der Facharzt für Urologie bereits 1924 etabliert wurde, ist eine doppelte Berufsbe- zeichnungalsChirurgundUrologe,gelegentlich auch nur Chirurg, bis in die 1970er Jahre für uro-chirurgischarbeitendeÄrztenichtunüblich. Ein weiteres Beispiel hierfür ist Paul Rosenstein (1875–1964). Hieraus ergibt sich die Chance, solchen Personen sowohl im urologie- als auch im chirurgiehistorischen Kontext zu gedenken [5]. Universität verloren hatte. Sein Fall steht exemplarisch für viele weitere verfolgte Menschen, die im Suizid den letzten Ausweg sahen und deren Namen heute vergessen sind. Der wissenschatliche Durchbruch Jo- sephs erfolgte 1903 in Heidelberg. An der Czerny-Klinik beschrieb er gemeinsam mit seinem 7 Jahre älteren Con-Assisten- ten Friedrich Voelcker (1872–1955) die sog. Indigocarminprobe [7]. Noch heu- te dient die Untersuchung zum Auffin- den der Harnleiterostien in der Blase bei schwierigen anatomischen Verhältnissen [8]. Damit hatte Joseph den Grundstein für seine Forscherkarriere gelegt, die ihn über Bonn zusammen mit seinem Men- torAugustBier(1861–1949)ab1911nach Berlin an die Chirurgische Universitäts- klinik in der Ziegelstraße führen soll- te. Nach der Habilitation 1910 wurde er 1913 Leiter der Urologischen Abteilung der Chirurgischen Universitätspoliklinik und nach der Teilnahme am Ersten Welt- krieg 1921 nichtbeamteter außerordent- licher Professor. Dies war eine typische Karrierestation für jüdische Angehöri- ge der Berliner Medizinischen Fakultät [9]. Weil es in der Stadt mehrere pro- minente Ärzte mit gleichem Namen gab, war Joseph unter Kollegen auch als „Bla- sen-Joseph“ bekannt. Neben regelmäßi- gen Vorlesungen und Kursen in Chirur- gie und Urologie sowie seiner ärztlichen Tätigkeit mit Privatbetten an der Hygiea- Klinik war er einer der wenigen Urolo- gen in Deutschland, die sich mühsam nach der Isolierung infolge des Ersten Weltkrieges bemühten, zur Internationa- lisierung des Faches beizutragen. Hierzu zählte 1927 die Einladung von Max Sterns (1873–1946) nach Berlin, dem Inaugu- rator der transurethralen Prostataresek- tion. Schon seit 1921 Mitherausgeber der Zeitschrit für Urologische Chirurgie, war Joseph seit 1927 auch Mitherausgeber der Zeitschrit für Urologie. Somit war er in den Herausgebergremien der beiden wichtigsten deutschsprachigen urologi- schen Fachzeitschriten der Zeit vertre- ten. Von 1928 bis 1929 war er Vorsit- zender der Berliner Urologischen Gesell- schat. Das Jahr 1933 bedeutete eine tiefe Zäsur in der Biografie des 54 Jahre al- ten Eugen Joseph. Wenige Monate nach der Machtübernahme der Nationalso- zialisten wurde ihm die Lehrerlaubnis entzogen. Ebenso durte er als jüdisch klassifizierter Arzt keine nicht-jüdischen Kassenpatienten mehr behandeln und er wurde aus den Herausgebergremien der medizinischen Zeitschriten gedrängt [10, 11]. Mit der gesetzlich sanktionie- ren Diskriminierung, der Zerstörung seiner Lebensgrundlage und dem Terror durch die Nationalsozialisten konnte und wollte Joseph nicht weiterleben. Er nahm sich am 24. Dezember 1933 das Leben. Sein Lebensende zeigt, dass Suizide im Kontext der NS-Verfolgung – bei aller Verzweiflung und Hilflosigkeit – auch Zeichen einer Selbstbehauptung und persönlicher Würde tragen konnten, die otmals in dem Wunsch nach einem möglichst selbstbestimmten Ende zum Ausdruck kamen. In dieser letzten aller Entscheidungen wahrten die Betroffenen Der Urologe 12 · 2016 1605