Falko Schmieder, Christian Voller, Jannis Wagner Zwang wird Sinn. Kittsteiners Benjaminlektüren im Kontext Den ungeschützten Anblick der Geschichte kann man nicht ertragen. 1 (H.D. Kittsteiner) ›Aus Zwang wird Sinn‹. Diese Formel umreißt prägnant einen Ausgangspunkt und thematischen Kern der geschichtsphilosophisch orientierten Kulturhistorie Heinz Dieter Kittsteiners und stellt eine Denkfigur dar, die von zentraler Bedeutung für seine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis der Menschen zu ›ihrer‹ Geschichte war. Sie stammt von Theodor W. Adorno, 2 dessen Negative Dialektik zu jenen aus- gewählten Büchern zählt, die Kittsteiner für Pflichtlektüren hielt, auch wenn er selbst nur an wenigen und eher entlegenen Stellen daraus zitiert hat. 3 Überhaupt taucht der Name Adorno bemerkenswert selten in Kittsteiners Arbeiten auf, in einem unveröffentlichten Manuskript mit dem Titel Stufen der ›Modernität‹ im histori- schen Prozeß machte er jedoch deutlich, wieviel seine eigene Geschichtstheorie Adorno verdankt, wenn er definitorisch feststellt: »Unter dem ›Zwang-wird-Sinn‹- Syndrom verstehe ich mit Adorno eine Einstellung zur Übermacht der Geschichte, die versucht, das Nicht-Verfügbare durch Uminterpretation in die Verfügung zu- rückzuholen.« 4 Es war diese Verfügbarmachung der Unverfügbarkeit von Geschichte, die Kitt- steiner vor allem in den großen geschichtsphilosophischen Entwürfen der bürgerli- chen Epoche vorfand, die ihn zeitlebens interessierte. Der daraus resultierende Fo- kus auf der Geschichtsphilosophie und seine wiederholten Äußerungen, er »versu- che allerdings, Geschichtsphilosophie neu wieder in Stellung zu bringen«, 5 führten innerhalb der Historikerzunft immer wieder zu Irritationen und Missverständnissen, wie zum Beispiel an der Debatte mit Hans Ulrich Wehler deutlich wird. 6 Dabei ging 1 Kittsteiner, Adornos Blick auf die Geschichte, in diesem Band, S. 243-258. 2 Adorno 1966, S. 308. Das Exemplar aus der Bibliothek Kittsteiners (in der Universitätsbiblio- thek der Europa-Universität Viadrina) trägt die Signatur: ki1123. 3 So in Kittsteiner 2002, S. 190 und 207; oder in: Das Böse und die Aufklärung. Über eine Unter- scheidung zwischen dem ›Übel‹ und dem ›Bösen‹, Manuskript in der Universitätsbibliothek der Europa-Universität Viadrina; sowie in dem im Folgenden zitierten Manuskript. 4 Kittsteiner, Nachlass Kittsteiner, Signatur: 35, S. 12. Hier zitiert aus der zugehörigen Fußnote Nr. 27. 5 Kittsteiner, Nachlass Kittsteiner, Signatur: 20. 6 Kittsteiner 1999; Wehler 1999; wiederabgedruckt in: Wehler 2000. Beide Texte wiederabge- druckt in: Kiesow/ Simon 2000, S. 71 ff. u. S. 119 ff. Eine zusammenfassende Darstellung der Debatte findet sich in: Heinßen, S. 37. 233