Kritik / Critique EWE 23(2012)4 581 Das Problem des Freien Willens und die Ausnahmestellung Wittgensteins. Zwei Anmerkungen zu Gottfried Gabriel zu Geltung und Genese Christian Helmut Wenzel ((1)) In seinem Aufsatz “Geltung und Genese als Grund- lagenproblem” argumentiert Gottfried Gabriel in verschie- dener Hinsicht für die Notwendigkeit der Unterscheidung von Geltung und Genese. Fragen nach der Geltung dürften nicht mit Fragen nach der Genese verwechselt werden. Be- gründung und Rechtfertigung seien eines, der Hinweis auf Kausalität und Entstehung aber sei etwas anderes. Ersteres könne nicht durch letzteres ersetzt werden. Am Ende seines Aufsatzes führt Gabriel das Problem des freien Willens und die Position des neurobiologischen Determinismus als Beispiel für solch eine Verwechslung oder zumindest ein Übersehen dieser Unterscheidung an. Außerdem wird das Verhältnis von Wissen und Glauben diskutiert und Wittgen- steins Position als eine Ausnahme erwähnt, weil dieser dem Glauben einen Vorrang gegenüber dem Wissen einräume. Auf diese beiden Punkte möchte ich im folgenden eingehen. ((2)) Willensfreiheit. Der neurobiologische Determinismus behauptet, daß unsere Willensentscheidungen im Gehirn kausal determiniert ablaufen. Wir sind neuronal vernetzt und diese “Verschaltungen legen uns fest”, wie Gottfried Gabriel Wolf Singer zitiert (37). Von Willensfreiheit zu reden, ist nach dem neurobiologischen Determinismus also nicht mehr möglich. (Das ist natürlich nichts grundlegend Neues, wie Gabriel auch anmerkt. Schon Laplace etwa hat die These des Determinismus formuliert, nach dem die physikalischen Zustände zu einem beliebigen Zeitpunkt zusammen mit den physikalischen Gesetzen die Zukunft festlegen. Durch die neuen Hirnforschungen wird dieser alte Gedanke nur wieder einmal aktuell.) Gabriels Vorschlag und Kritik besteht nun darin, “die Konsequenzen des neurobiologischen Determi- nismus auf die These dieses Determinismus selbst anzu- wenden” (39) und ihn damit “ad absurdum” (40) zu führen. “Wenn die neuronale Determiniertheit durchgehend besteht, so gilt sie nicht nur für unsere Entscheidungen zwischen Handlungsalternativen, sondern auch für unsere Entschei- dungen zwischen Erkenntnisalternativen. Dann ist nicht nur die Wahl einer Handlung, sondern auch die Zustim- mung zu einer Behauptung und deren argumentativer Begründung determiniert. Dann ist nicht nur die Freiheit unseres Willens, sondern auch die Freiheit unseres Denkens dahin.” (39) Insbesondere ist dann auch die Freiheit über die Freiheit des Willens (das Problem der Willensfreiheit) nachzudenken dahin. Statt eines freien Austauschs von Ar- gumenten käme es nur zu einem determinierten Ablauf des Austauschs und das Ergebnis stünde schon von vorn herein fest. Damit aber, so führt Gottfried Gabriel aus, wird auch der Wahrheitsanspruch des Determinismus untergraben. Die “logische Kraft des Arguments” ist etwas ganz anderes als die “physiologische Kraft neuronaler Netze” (39), und dies führt zusammen mit der Einsicht, daß die “Bedingung der Möglichkeit von Einsicht (Erkenntnis) ist, daß der Akt der Zustimmung als Anerkennung von Wahrheit gerade nicht determiniert ist” (39), dazu, daß der “Determinismus – zu Ende gedacht – […] den Wahrheitsbegriff und damit auch seinen eigenen Wahrheits- und Geltungsanspruch” aufhebt (40). ((3)) Gottfried Gabriel hat hier ein, wie mir scheint, schönes und interessantes Argument gegen den Determinismus und für die Willensfreiheit im Zusammenhang seiner Untersu- chung von Geltung und Genesis präsentiert. Aber ist das Argument zutreffend? Überzeugt es? Ich habe hier meine Bedenken, und zwar aus folgendem Grund. Es ist zwar wahr, daß der Determinismus die Wahrheit der Physik, der Kau- salvorstellungen, Regelbegriffe, Vorstellungen von Raum und Zeit, etc., voraussetzt. Es ist also wahr, daß er einen Geltungsanspruch erhebt. Aber könnte er nicht recht haben? What if we just “got it right”? (Wie Fred Dretske es mir gegenüber einmal in einem privaten Gespräch mit Bezug auf den Naturalismus formulierte.) Kann es nicht sein, daß die Welt in Raum und Zeit kausal determiniert abläuft, dies dann auch für unsere Denkprozesse gilt, und daß die dabei entstehenden Vorstellungen von Raum und Zeit und unsere Physik, so weit wir sie jetzt haben, dennoch einigermaßen stimmen und wahr sind? Warum sollte der Determinismus also seinen Wahrheitsanspruch unbedingt untergraben, wie Gabriel meint? Newton wurde durch Einstein korrigiert und auch die Relativitätstheorie und die Quantentheorie werden vielleicht einmal überholt sein, aber nicht indem sie als gänzlich falsch verworfen, sondern indem sie verbessert werden. Die naturwissenschaftlichen Vorstellungen sind wie unsere Alltagsvorstellungen nützlich und gut bewährt, und es fällt schwer sich vorzustellen, wie sie ganz falsch sein sollten. (Ein Zweifel an der Existenz der Außenwelt etwa mag bleiben, aber darauf möchte ich mich hier nicht ein- lassen.) Es stimmt zwar, daß der Determinismus die Vor- stellungen der Mathematik und Physik, von Raum und Zeit, gewisser Kategorien, wie Identität und Nicht-Identität, Quantität, etc., einfach voraussetzt. Er läßt sich auf Fragen des transzendentalen Idealismus nicht ein. Er stellt Raum und Zeit als an sich gegeben vor. Der neurobiologische Deter- minismus ist ein naiver transzendentaler Realismus, würde Kant sagen. Das, so scheint mir, ist einzugestehen. Ob aber das kantische Unternehmen des transzendentalen Idealismus besser (als das des transzendentalen Realismus) ist, halte ich für ebenso fragwürdig. Wenn der Realismus – der naive transzendentale Realismus, wie Kant sagen würde – recht hat, so müßte, wie mir scheint, der Determinismus seinen Wahrheitsanspruch nicht unbedingt selbst aufheben, wie Ga- briel meint. ((4)) Wenn wir nun die Frage, ob der transzendentale Idea- ‘Das Problem des Freien Willens und die Ausnahmestellung Wittgensteins. Zwei Anmerkungen zu Gottfried Gabriel zu Geltung und Genese’, Critique of Gottfried Gabriel, 'Gelung und Genese', 23/4 (2012) pp. 475-486, Critique pp. 581-583. Erwägen, Wissen, Ethik,