171 Tamara Scheer Österreich-Ungarns Besatzungsregime im Königreich Polen unter besonderer Berücksichtigung von Religions- und Kultusfragen (1915–1918)* Einleitung Das wissenschaftliche Interesse an der Beschäftigung mit österreichisch-unga- rischen Besatzungsregimes des Ersten Weltkriegs ist in den letzten Jahren deut- lich gestiegen. So sind in den letzten beiden Jahren einige Artikel, Sammelbände und Monographien zu Polen erschienen. 1 Bis in die 1990er Jahre aber sind kaum Studien zu diesem Thema veröffentlicht worden. Der zweite große Krieg hat das Interesse der Historiker/innen wohl in anderen Bereichen festgehalten, für die Militärhistoriker hatte die Etappe oder Besatzung zu wenig Operatives zu bieten gehabt. Bis in die späten 1930er Jahre war das anders. In diesem Zeitraum waren unzählige Studien zu diesem Thema entstanden, wobei als Autoren fast ausschließlich damals involvierte Militärs, Zivilpersonen oder andere ‚Zeitzeu- gen‘ (z. B. Journalistinnen und Journalisten und) in Erscheinung traten. Zumeist steckte eine persönliche Motivation dahinter: entweder Verbrechen oder eigene Meriten nicht der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Viele dieser Arbeiten können daher eher dem Genre der Memoiren- oder Erinnerungsliteratur zuge- schrieben werden, obwohl sie dokumentarischen Charakter haben. Als Beispiel sei die Studie Hugo Kerchnawes angeführt, die 1928 in der Carnegie-Reihe ver- öffentlicht wurde. 2 Der Autor des Polenbeitrags, Rudolf Mitzka, war als Refe- rent für das besetzte Polen in der Militärverwaltungsgruppe des k. u. k. Armee- oberkommandos direkt auf strategischer Ebene involviert gewesen; auf unterer Verwaltungsebene einbezogen waren Ladislaus Dubaj und Rudolf Weber, die in einem Kreiskommando dienten, oder, speziell zum Königreich Polen, die Schriften Arthur Hausners (Chef des Stabes der Besatzungsverwaltung). 3 Sämt- * Ich danke Christoph Tepperberg (Kriegsarchiv Wien) für seine hilfreichen Informa- tionen und kritischen Anmerkungen. 1 Beispielsweise widmete sich ein Sonderheft der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 58 (2010) dem Ersten Weltkrieg. Weitere Beispiele inden sich in den Fußnoten dieses Buchbeitrags. 2 Die Militärverwaltung in den von den österreichisch-ungarischen Truppen besetzten Gebieten. Hg. v. Hugo Kerchnawe. Wien 1928. 3 Arthur hausner, geboren in Galizien (1877–1953), war zunächst Stabschef des Gou- vernements Piotrków, dann vom 17.8.1915 Stabschef des MGG Lublin; wurde am 14.7.1918 von seinem Posten enthoben. hausner, Arthur: Die Polenpolitik der Mit- telmächte und die österreichisch-ungarische Militärverwaltung in Polen während des