Marie-Luise Alder & Michael B. Buchholz Kommunikative Gewalt in der Psychotherapie Abstract: The contribution criticizes the circularity of the widespread psycho- logical concept of aggression and proposes to replace it by a concept of violence. Hence, a meaningful way to talk of communicative violence becomes possible, the counterpart of which is communicative empathy. Illustrated by transcribed therapy sessions some situations with violence potential are described, they can originate from both, therapist and patient. For the first time mild and rough forms of empathy-dazzling are described by which especially patients complicate or disenable the therapeutic empathy task. Communicative violence proves as „interruptor“ of violence in the special sense, that the dimension of „my mind is with you“ which, according to Harvey Sacks, silently accompagnies every conver- sation, is suspended. 1. Einführung Beim Stichwort „Gewalt“ in Verbindung mit Psychotherapie stellt sich zu schnell meist nur jener assoziative Zusammenhang ein, der sexuelle Ausbeutung der Pati- entin durch den Therapeuten in den Blick nimmt. Die Verbindung mit der öffent- lichen Diskussion um den sexuellen Missbrauch von Kindern zieht dann rasch die Psychotherapie insgesamt in ein Umfeld, wo sie leicht oder leichter diskreditiert und skandalisiert werden kann. Tatsächlich jedoch hat sich im Feld der Psycho- therapie eine deutliche Sensibilisierung für das Thema seit dem Anfang der 1980er Jahre weit verbreitet, Berufsverbände haben Ethik-Kommissionen eingesetzt, die solchen Fällen nachgehen. Aus den Verbänden wurden Mitglieder ausgeschlossen. Es gab durch das Buch von Phyllis Chesler (1972) einen weltweit wirkenden starken Impuls, denn diese Autorin, selbst als Psychotherapeutin tätig, hatte Frauen inter- viewt, die von ihren Therapeuten ausgebeutet worden waren. Die Erzählungen waren eindrücklich genug, um intensive Reaktionen nach sich zu ziehen. Innerhalb der internationalen Psychoanalyse hatte sich insbesondere Gabbard (1994) dieses Themas angenommen und beschrieben, dass solchen Vor- fällen eine bestimmte Abfolge eignet: kleine Grenzüberschreitungen – die Stunde wird verlängert, ein Arm berührt, die Hand länger festgehalten bei Begrüßung oder Verabschiedung – werden, wenn sie nicht sofort korrigiert werden, das Ein- fallstor zu weiteren Schritten wie intensiveren Berührungen, Nachgesprächen nach der Sitzung, Verwendung bestimmter anstößiger Vokabeln. So baut sich all- $OGHU 0DULH/XLVH %XFKKRO] 0LFKDHO % .RPPXQLNDWLYH *HZDOW LQ GHU 3V\FKRWKHUDSLH ,Q 6LOYLD %RQDFFKL +J 9HUEDOH $JJUHVVLRQ 0XOWLGLV]LSOLQlUH =XJlQJH ]XU YHUOHW]HQGHQ 0DFKW GHU 6SUDFKHH %HUOLQ GH *UX\WHU 6 ア