Hautarzt 2013 · 64:638–643
DOI 10.1007/s00105-013-2628-8
Online publiziert: 9. September 2013
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
M. Maurer · M. Magerl · M. Metz · T. Zuberbier
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin
Diagnostik und Therapie der
chronischen Urtikaria – Was wird
von Revision und Aktualisierung der
internationalen Leitlinie erwartet?
Ein Report der öffentlichen
Konsensuskonferenz „URTICARIA 2012“
Als Ergebnis der 4. Urtikaria Konsen-
sus Konferenz („URTICARIA 2012“)
im November 2012 in Berlin liegt
nun die Revision und Aktualisierung
der internationalen Leitlinie für die
Klassifikation, Diagnostik und The-
rapie der chronischen Urtikaria vor.
Während dieser 2-tägigen Konfe-
renz mit über 300 Teilnehmern wur-
den die bestehenden Empfehlungen
für die Klassifikation, die Nomenkla-
tur, die Diagnostik einschließlich Dif-
ferenzialdiagnostik, das Messen von
Krankheitsaktivität sowie die The-
rapie ausführlich diskutiert, aktuali-
siert, ergänzt und per Konsensverfah-
ren beschlossen.
In Vorbereitung hierauf hatte die Autoren-
gruppe, ein Expertengremium interna-
tionaler Urtikariaspezialisten aus 21 Län-
dern, auf der Basis von Metaanalysen der
Literatur Vorschläge für diese Empfeh-
lungen erarbeitet. Hierbei kam, wie schon
bei der letzten Version der Leitlinie [1, 2],
das GRADE (Grading of Recommenda-
tions Assessment Development and Eva-
luation)-Verfahren zum Einsatz [3]. Die
aktuellen Leitlinienempfehlungen beru-
hen damit auf einer belastbaren Datenla-
ge und verstehen sich als praktische Hilfe
für den Arzt in Klinik und Praxis. Die ak-
tuelle Leitlinie wird von über 25 nationa-
len und internationalen Fachgesellschaf-
ten und Verbänden getragen und wird die
Grundlage für die anstehende Überarbei-
tung der deutschen Leitlinie für die Be-
handlung der Urtikaria sein. Im Folgen-
den werden insbesondere die Neuerungen
und Aktualisierungen der internationalen
Urtikarialeitlinie beschrieben, aber auch
solche Empfehlungen besprochen, die für
den praktischen Alltag wichtig sind und
Bestätigung fanden (. Tab. 1).
Definition, klinisches
Bild und Differenzial-
diagnose der Urtikaria
Der Begriff Urtikaria beschreibt eine hete-
rogene Gruppe von Erkrankungen, denen
das Auftreten von juckenden Quaddeln,
Angioödemen oder beidem gemeinsam
ist. Ausnahmen sind die Druckurtika-
ria (auch verzögerte Druckurtikaria ge-
nannt), bei der keine Quaddeln auftre-
ten und die Urticaria factitia (auch symp-
tomatischer Dermographismus genannt),
bei der es nicht zu Angioödemen kommt
[4]. Bei der chronischen spontanen Urti-
karia wird davon ausgegangen, dass bei bis
zur Hälfte aller Patienten sowohl Quad-
deln als auch Angioödeme auftreten.
D Wegen ihrer typischen Symptome
ist die Urtikaria in der Regel relativ
leicht zu diagnostizieren.
Es muss aber bedacht werden, dass bei Pa-
tienten mit Quaddeln neben einer Urtika-
ria auch andere Erkrankungen und patho-
genetische Prozesse zugrunde liegen kön-
nen. Gleiches gilt für Patienten mit rezi-
divierenden Angioödemen. Die Quad-
deln der Urtikaria werden durch aktivier-
te Mastzellen der Haut und deren freige-
setzte Mediatoren [z. B. Histamin, Leu-
kotriene, plättchenaktivierender Fak-
tor (PAF)] ausgelöst. Dies trifft für die
Quaddeln bei autoinflammatorischen Er-
krankungen nicht zu und für die Quad-
deln bei Urtikariavaskulitis nur mit Ein-
schränkungen. Beide Erkrankungen müs-
sen bei Patienten mit Quaddeln differen-
zialdiagnostisch erwogen werden. Hier-
bei ist der aktualisierte differenzialdia-
gnostische Algorithmus der internatio-
nalen Leitlinie hilfreich (. Abb. 1). Mit-
hilfe dieses 5-stufigen Algorithmus las-
sen sich bei Patienten mit rezidivieren-
den Quaddelschüben autoinflammato-
rische Erkrankungen und die Urtikaria-
vaskulitis durch eine strukturierte Anam-
nese und ggf. die Durchführung weniger
Tests diagnostizieren bzw. ausschließen.
So sollte bei Patienten mit isoliert auftre-
tenden rezidivierenden Quaddeln gleich
zu Beginn der Anamnese gefragt werden,
ob ein Krankheitsgefühl besteht oder wie-
derkehrende Fieberschübe unklarer Ge-
nese und Knochen- bzw. Gelenkschmer-
zen auftreten. Liegen diese Beschwer-
den vor, so sollte geprüft werden, ob eine
autoinflammatorische Erkrankung, z. B.
Dieser Beitrag wurde erstveröffentlicht in Aller-
go Journal (2013), 22 (5) 324–329.
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