Ist Dispositiv nur ein Modebegriff? Zur Poetik des ‚dispositif turns’? 37 Ist Dispositiv nur ein Modebegriff? Zur Poetik des ‚dispositif turns’? Magdalena Nowicka Als Frankreich 2005 durch Unruhen in den Pariser Vororten erschüttert wurde, begann man darüber nachzudenken, wie es um die Fundamente der französi- schen Kultur bestellt ist. Die symbolischen Eliten lieferten dem öffentlichen Diskurs eine Analyse zum Einfluss der Gegenkultur der Vororte auf die dominie- rende Kultur. Ich möchte hier nur an eine der Diagnosen erinnern. Jean-François Dortier, Begründer und Redakteur der populärwissenschaftlichen Monatszeit- schrift „Sciences humaines“, konzentrierte sich in seinem Artikel Tu flippes ta race, bâtard! (2005) auf die Sprache der jungen Bewohner der Vororte, die so genannte langage des cités. Er erkennt in ihr den „geheimen Code“ („code se- cret“) und einen „Identitätsmarker“ („marque identitaire“), sieht in ihnen jedoch keine Bedrohung für die Hauptströmung der französischen Kultur. Dortier beruft sich auf Louis-Jean Calvet (1994) und indirekt auf Roland Barthes (1985), wenn er die langage des cités mit anderen Modeerscheinungen vergleicht. Neuheiten riefen zunächst Empörung hervor, faszinierten zugleich aber auch, und ihre Po- pularität stiege. Schließlich verlören sie ihre ursprüngliche Originalität und wür- den zu einem Element der Hauptströmung einer Kultur. Per analogiam kann man – wenn auch mit einem Augenzwinkern – von ei- nem seit den 1970er Jahren andauernden Michel-Foucault-Hype in den Geistes- wissenschaften sprechen, die man jedoch nicht in deren Hauptströmungen veror- ten kann. Foucault und seine Aufsehen erregendsten Arbeiten sind weithin be- kannt und zählen zum universitären Lektürekanon, auch wenn sie nicht Bestand- teil der dominierenden Analysetrends sind. Man spricht weder von einer Foucault-Schule noch von ‚Foucaultismus‘. Foucaults Arbeiten maßen sich nicht den Status einer alleingültigen Auslegung der Gegenwart an, sondern machten es sich zur Aufgabe, bestehende Ordnungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu hinterfragen. Mit anderen Worten: Foucaults Konzeptionen stellen die Berechti- gung der geisteswissenschaftlichen Hauptströmung in Frage. Petra Gehring (2007: 25) schätzt sie wie folgt ein: „Sie provozieren, sie rütteln an der Wissen- schaft wie an der Politmoral. Und sie bleiben dennoch agnostisch“, vereinten in sich sogar das Attribut des „positivistisch“ handelnden Forschers mit einem „romantischen Zug“ (ebd.). Foucaults Gedanken ließen sich nicht auf objektive