1 Erschienen in: Anjo G. Harryvan/André Krause/Hans Vollaard, Hg. (2018): Europa zwischen Hoffnung und Skepsis: Deutschland und die Niederlande über die europäische Integration seit 1990. Münster: Waxmann-Verlag, S. 67-93 Deutsche Parteien und die EU: Traditioneller Integrationskonsens trotz zunehmend euroskeptischer Bürger Oliver Treib 1 Einleitung In den vergangenen Jahrzehnten haben sich in vielen Ländern Europas Parteien etabliert, die fundamentale Kritik am Projekt der europäischen Integration oder an wesentlichen Säulen der institutionellen Architektur sowie der wichtigsten Politiken der Europäischen Union (EU) üben. Zu den erfolgreichsten Vertretern dieser euroskeptischen Kräfte zählen Parteien wie der Front National in Frankreich, die United Kingdom Independence Party in Großbritannien, die Freiheitliche Partei in Österreich, die Dänische Volkspartei in Dänemark oder die Partei der Freiheit in den Niederlanden. 1 Im Vergleich zu den Wahlerfolgen radikaler euroskeptischer Parteien in den Niederlanden und einigen Nachbarstaaten nimmt sich Deutschland wie ein Anker der Stabilität im Zentrum Europas aus. Seit den Gründungsjahren der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft war die Parteienlandschaft von einem umfassenden Integrationskonsens gekennzeichnet, der das Voranschreiten der europäischen Integration als Friedensprojekt betrachtete, für dessen Gelingen Deutschland als Hauptverantwortlicher der beiden furchtbaren Weltkriege besondere Verantwortung trage. Doch wie stark ist dieser Integrationskonsens heute noch ausgeprägt? Kam es im Zuge der Vertiefung der Integration seit Maastricht und Lissabon und vor allem durch die Eurokrise zu größeren parteipolitischen Konflikten über Europa? Wie reagieren die deutschen Parteien auf die zunehmende Integrationsskepsis der Bevölkerung? Lässt sich eine Normalisierung 1 Siehe O. TREIB, The Voter Says No, but Nobody Listens. Causes and Consequences of the Eurosceptic Vote in the 2014 European Elections, in: Journal of European Public Policy 21 (2014), S. 15411554. sowie den Beitrag von Voerman und Vollaard in diesem Band.