9 onsalternativen geht, die auch anhand archäolo- gischer und historischer Forschungen veriiziert oder falsiiziert werden können. Daher ist bei- spielsweise H. Jöns und J. Schneeweiß (2013, 38) in ihrer Einschätzung zu widersprechen, „die grundsätzlich gestellte und so auch gemeinte Frage nach einem Kontakt zwischen ,spätgerma- nischen‘ und ,frühslawischen‘ Siedlern“ greife „schlicht zu kurz“ und sage „letztlich über den Verlauf der slawischen Einwanderung und Landnahme zwischen Elbe und Oder nichts aus.“ Die Frage ist durchaus richtig gestellt und prinzipiell auch eindeutig zu beantworten. Ein Problem besteht jedoch in der Quellenlage, denn die archäologischen, historischen, naturwissen- schaftlichen und sprachgeschichtlichen Befunde sind in ihrer Aussage oft vage und unterschied- lich auslegbar. Zudem wird über einen großen Raum diskutiert, in dem mit regional unter- schiedlichen siedlungsgeschichtlichen Verhält- nissen gerechnet werden muss, die der begrenzte Forschungsstand kaum umfassend beleuchten kann. Auch die Datierung des Fundmaterials fällt schwer. Das gilt sowohl für die völkerwan- derungszeitliche und frühslawische Keramik als auch für diverse Kleinfunde, deren Zeitstellung oft ungenau und umstritten bleibt. 3 Ohnehin strittig ist die Zuverlässigkeit von Radiokarbon- Für die geschichtliche und archäologische For- schung erscheinen die späte Völkerwanderungs- und früheste Slawenzeit im nordostdeutschen Gebiet 1 als ein „dunkles Jahrhundert“, denn es gibt fast keine Schriftquellen oder archäologi- schen Funde für die Zeit zwischen etwa 550 und 670. Dieser Negativbefund ist sehr interessant, trägt er doch zur Antwort auf die Frage bei, ob sich im Zuge der Völkerwanderungen große, im Allgemeinen siedlungsgünstige Gebiete Mittel- europas für Jahrzehnte entvölkern konnten, was wiederum exemplarische Rückschlüsse auf den Charakter der Völkerwanderung zuließe: Wan- derten nur kleine Kriegergruppen oder kom- plette Stammesverbände? Darüber wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Zugleich ist die Feststellung von Siedlungskontinuität oder -hiatus entscheidend für die Frage, ob sich die archäologisch deutlich erkennbaren Verände- rungen – zwischen der römischen Kaiserzeit und dem frühen Mittelalter, zwischen gemeinhin als germanisch und als slawisch angesprochenen Kulturerscheinungen – durch Wandlungen in den Kulturverhältnissen bei beständiger Popu- lation oder durch Zu- und Abwanderungen von Menschen erklären lassen. 2 Inwieweit es eine generelle Siedlungsunter- brechung im 6./7. Jh. gab oder ob Menschen kontinuierlich im heute nordostdeutschen Raum lebten, wird gerade deshalb so intensiv disku- tiert, weil es um einen epochalen Prozess mit klar voneinander unterscheidbaren Interpretati- BUFM 81, Biermann, „Über das ’dunkle Jahrhundert’ im nordostdeutschen Raum“, 9–26 Über das „dunkle Jahrhundert“ in der späten Völkerwanderungs- und frühen Slawenzeit im nordostdeutschen Raum Felix Biermann 1 Hier geht es um Berlin, Brandenburg, Mecklenburg, Vorpommern, Ostholstein und das nördliche Sachsen- Anhalt bzw. die Altmark, ferner die elbnahen Teile des Han- noverschen Wendlands. 2 Vgl. die Überblicke zu dieser Diskussion für den hier besprochenen Themenkreis bei Biermann 2009a; Volkmann 2013, 63 f.; Jöns/Schneeweiß 2013, 35 ff., jeweils mit weiterer Literatur. 3 Vgl. z. B. die unterschiedliche Einschätzung eines ver- meintlich merowingerzeitlichen Riemenverteilers aus der Feldberger Burg von Friedland, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte (Stange 1997; Dulinicz 2007, 172; ferner Ruchhöft 2008, 32 Anm. 179), die stark divergierende Datierung der baltischen Sprossenibel von Prützke (zuletzt Brather 2001) oder ein von C. M. Schirren als merowingerzeitlicher Steck- schlüssel gedeutetes Bronzefragment aus Gützkow, Lkr. Vorpommern-Greifswald, bei dem es sich um einen ver- gleichsweise reich verzierten slawenzeitlichen Waagebalken handeln dürfte (vgl. Steuer 1997, u. a. 34, 158, 185, 248 Abb. 12, 104, 128, 175), zumal das Stück von einem spätslawischen Siedlungsplatz stammt (KFB 2007, 294 Abb. 32); desgleichen