D IE G EBURT DES P OP AUS DEM G EIST DER PHONOGRAPHISCHEN R EPRODUKTION ROLF GROSSMANN „Zu Pop hatten wir von dessen Geburt an, die mehr oder weniger unsere Geburt war, das beste Verhältnis.“ (Neumeister 2001, S. 19) Keineswegs. Weder war die Geburt von Pop meine Geburt – wie im Ap- pell an gemeinsame Jugendkultur unterstellt wird – noch hatten wir so- fort zu Pop das beste Verhältnis. Im Gegenteil, wie Martin Büsser tref- fend schreibt, wurde von ‚uns‘ Anfang der siebziger Jahre des vergange- nen Jahrhunderts der Begriff Pop für „besonders seichte, kommerzielle Musik“ verwendet (Büsser 2000, S. 8). Pop war damals, anders als in den 80ern, keine ernstzunehmende und schon gar nicht positive Kategorie. Progressive Rock, Psychodelic, Rock Jazz und ähnliches bewegte unsere Gemüter, eine Musik, die nicht wirklich im quantitativen Sinn populär war. Wirklich populär war: der Schlager. Er war ein vertrauter medialer Ort der Nachkriegsjugend, während der „Beat-Club“ mit seiner Teenie- Göttin Uschi Nerke ein Ort der medialen Begegnung nicht mit dem Ver- trauten, sondern mit dem Fremden, mit Subkultur und plakativer ästheti- scher Subversion war. Pop und Rock waren aber auch – gerade für die (meist männlichen) Studio-Akteure und solche, die es werden wollten – geprägt durch die Faszination des technischen Instrumentariums, durch Verstärker, Effekte, durch Studio- und PA-Equipment. Die mystische Aufladung dieser tech- nisch medialen Aura der populären Musik lässt sich in der heutigen Ära des Bedroom-Producing nur annähernd nachvollziehen, wenn Software Tools und Plug-Ins als Objekte der Begierde inszeniert werden. Die Mu- sik der Bands in den Siebzigern sollte ‚wie auf der Platte‘ klingen, selbst wenn es (noch) gar keine Platte gab. Um das nötige Geld zu beschaffen, war kein Ferienjob zu mühsam. 119 Großmann, Rolf: "Die Geburt des Pop aus dem Geist der phonographischen Reproduktion". In: Christian Bielefeldt, Udo Dahmen, Rolf Großmann (Hg.): PopMusicology. Perspektiven der Popmusikwissenschaft. Bielefeld: transcript 2008, S. 119-134.