Modul8 (30140) p. 7 / 24.11.2012 Am Ende der Tage wird es geschehen … Zur Eschatologie des Alten Testaments Thomas Hieke I. Zukunft, Hoffnung, Utopie Die Zukunft vorauszusagen hat die Menschheit schon immer beschäf- tigt. Hellseher und Wahrsager spielen heute aber nur noch eine unter- geordnete Rolle; stattdessen beherrschen die Vorausahnungen der Ana- lysten die Weltmärkte und die Computersimulationen die ökologischen Schreckensszenarien der Fernsehmagazine. Gibt es daneben noch Platz für die Frage nach dem »Ende der Tage«, also nach dem Sinn aller Ge- schichte und aller Entwicklung, nach dem Ziel, auf das alles hinausläuft? Die Gegenwart am Beginn des 21. Jahrhunderts, so scheint es zumindest, ist nicht nur rein »diesseitig« im räumlichen Sinne, sondern auch rein »jetztzeitig« im zeitlichen Sinne orientiert. Die Zukunft interessiert nur insoweit, als sie in unmittelbarer Nähe den erhofften ökonomischen Ge- winn bringt, oder dahingehend, dass jetzt das ökonomisch-ökologische Verhalten geändert werden muss, um den jetzigen (!) Lebensstandard auch in Zukunft (!) halten zu können. Für ein Handeln Gottes in der Zukunft bleibt im Kalkül keine Lücke mehr – und somit kann es gesche- hen, dass biblische Zukunftsbilder und modernes Denken und Fragen aneinander vorbeilaufen. Das erklärt möglicherweise auch die verhält- nismäßig geringe Rolle, die biblische »Eschatologie« in heutiger Pastoral und Verkündigung spielt. Und doch spiegeln sich in den biblischen Uto- pien (zu den Begriffen Eschatologie und Utopie s. u.) die Sehnsüchte der Menschheit; in ihnen formuliert sich das trotzige Bekenntnis, dass eine andere Welt möglich ist, zumindest denkbar. Im Zukunftsbild von der Völkerwallfahrt zum Zion heißt es: Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. 3 Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. 4 Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren in: Thomas Hieke, Roman Kühschelm, Magnus Striet, Bernd Trocholepczy, Zeit schenken – Vollendung erhoffen. Gottes Zusage an die Welt (Theologische Module 8), Freiburg i.Br., Basel, Wien: Herder, 2013, 7-52