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DAS ARGUMENT 324/2017 ©
Tine Haubner
Ein unbequemes Erbe
Die Ausbeutung von Plegearbeiten und der marxistische Ausbeutungsbegriff
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Es scheint, als habe den Ausbeutungsbegriff im Gegenwartsfeminismus ein
ähnliches Schicksal ereilt wie jenes, das ihm seit Ende der 1980er Jahre in den Sozial
wissenschaften zuteilwurde: Ähnlich wie Soziologie und benachbarte Disziplinen
seither zwar von Schließung oder Exklusion, nicht aber von Ausbeutung sprechen,
begnügt sich auch der akademisch geprägte Feminismus unserer Tage meist damit,
Ausbeutung als begriflich unterbestimmte Empörungsmetapher am rhetorischen
Gängelband mitzuführen. Das ist bemerkenswert, denn schließlich hat es Zeiten
gegeben, in denen sich Feministinnen zentral mit dem marxistischen Ausbeutungs
begriff auseinandersetzten und dabei auch die »bisher radikalste Rekonzeptualisierung
des Marxismus« anstießen (Federici 2012, 35; vgl. auch F. Haug 2015).
Die intellektuelle und politische Konjunktur marxistischfeministischer Debatten
liegt nun – trotz vielversprechender Wiederbelebungsversuche (vgl. InkriT
2015) – schon länger hinter uns. Gegenwärtig sind wir vielleicht auch aus diesem
Grund mit einer seltsamen Situation konfrontiert: Obgleich die sich international
ausweitende Forschung zu CareArbeit die Krise sozialer Reproduktion intensiv
bearbeitet und die Ausbeutung reproduktiver Arbeit – etwa in Gestalt einer Wieder
kehr der Dienstboten und der Ausbreitung globaler Sorgeketten (vgl. Hochschild
2001) – zunehmend an politischer Brisanz gewinnt, ist von Ausbeutung höchstens
metaphorisch die Rede (vgl. Lutz 2008, 93ff). Der Ausbeutungsbegriff wird dabei
in sozialkritischer Absicht zwar verwendet, bleibt jedoch begriflich unbestimmt,
fungiert eher als stilistisches Mittel und leitet auch nicht die entsprechende Analyse.
Dies ist nicht allein auf intellektuelle Konjunkturzyklen zurückzuführen. Der
marxsche Ausbeutungsbegriff selbst hat Rezeptionsweisen nahegelegt, die den
Geltungsanspruch des Begriffes unnötig einschränken. Weil Marx kapitalistische
Ausbeutung – so eine dominante Lesart – als primär »technischen«, auf die Erklä
rung von Proitgenerierung abzielenden ökonomischen Begriff verwende (vgl. Mc
Laughlin 2008; Steedman 1981, 17), der unlösbar mit den Annahmen der Wertthe
orie verbunden sei, konnten sich die Sozialwissenschaften – spätestens mit dem
Niedergang marxistischer Gesellschaftstheorie und dem Siegeszug neoklassischer
Wirtschaftstheorie – seiner getrost entledigen. Obwohl Ausbeutung bei Marx nicht
ausschließlich im Zusammenhang mit den Annahmen der Arbeitswerttheorie steht
1 Der Beitrag basiert auf dem Vortrag »MarxistFeminist Theory of Exploitation«, gehalten
im Rahmen der zweiten internationalen Konferenz MarxismusFeminismus am 7. Oktober
2016 in Wien.