Lisa Vollmer und Justin Kadi Wohnungspolitik in der Krise des Neoliberalismus in Berlin und Wien Postneoliberaler Paradigmenwechsel oder punktuelle staatliche Beruhigungspolitik? Kapitalistische Akkumulationsregime werden von einem für sie typischen Re- gulationsmodus begleitet, der sich auch in der Ausgestaltung der Wohnungs- politik widerspiegelt. Geraten Akkumulationsregime in die Krise, wirkt sich dies auf den Regulationsmodus und damit auf die Wohnungspolitik aus. So hat sich etwa seit der Krise des Fordismus in den 1970er Jahren das neoliberale Paradigma auch in der Wohnungspolitik durchgesetzt. Dieses Regime ist nun seinerseits in der Krise. In zahlreichen Debatten wird seit der Finanzkrise 2008 eine Krise des Neoliberalismus diagnostiziert und der Übergang zu einem post- neoliberalen Akkumulationsregime oder zumindest der Verlust hegemonialer neoliberaler Deutungsmacht diskutiert (Streeck 2013; Belina/Schipper 2009; Smith 2008). Auch für den Bereich der Wohnungspolitik wird die Frage nach einem postneoliberalen Paradigmenwechsel gestellt (Schipper 2018; Schönig u.a. 2017; Vogelpohl/Buchholz 2017; Rinn i.E.). An diese Debatte anknüpfend untersucht der Beitrag, welche konkreten Veränderungen der Wohnungspolitik in Berlin und Wien seit 2008 zu beobachten sind, und ob sich eine postneoliberale Wohnungspolitik herausgebildet hat. Die jahrelange Dominanz neoliberaler Wohnungspolitiken hat die Widersprü- che marktwirtschatlich organisierter Wohnungssysteme wieder mit Nachdruck zum Vorschein gebracht. Insbesondere in Ballungsräumen ist der Wohnraum für untere und mittlere Einkommensgruppen heute otmals unbezahlbar und knapp. In vielen Städten haben sich mit der Wiederkehr der Wohnungsfrage allerdings auch soziale Proteste formiert. Mieter_innen mobilisieren gegen den Ausverkauf der Stadt, den Abbau und Verkauf von Sozialwohnungen, die Schwächung von Mietrechten und eine marktwirtschatlich ausgerichtete Wohnungspolitik der Aufwertung und Verdrängung (Vogelpohl u.a. 2017). In mehreren Städten ist damit die Wohnungspolitik, zumindest partiell, wieder ins Zentrum politischer Aufmerksamkeit gerückt. Mit verschiedenen (alten und neuen) Instrumenten wird versucht, in den Wohnungsmarkt zu intervenieren. PROKLA. Verlag Westfälisches Dampfboot, Het 191, 48. Jg. 2018, Nr. 2, 247 – 264