Tauchen im Schnee von gestern. Grünbeins Descartes-Lektüren und ihre Folgen Claus Zittel (Stuttgart) Zusammenfassung: Durs Grünbeins Auseinandersetzungen mit Descartes bilden einen eigenen Werkkomplex, welcher seitens der Forschung überaus häufig untersucht wurde. Der Beitrag unternimmt es, verschiedene Phasen der Descartes-Rezeption bei Grünbein zu unterscheiden und seinen Umgang mit den Quellentexten zu beschreiben. Grünbeins Descartes-Texte erweisen sich als uneinheitlich und viele haben teilweise gegenstrebige Tendenzen. Die Forschungsliteratur indes verzichtet weitgehend auf eine Beschäftigung mit Grünbeins Quellen und bemüht stattdessen weitgehend überholte Deutungsklischees. Stichworte: Durs Grünbein; René Descartes; Rezeptionsliteratur; Lyrik; Anachronis- men. „Denn bloß-erdichtete Dinge zu schreiben war vor ihn eine allzu schlechte Bemü- hung. Vielmehr musten diese Gedichte ein Blendwerck nothwendiger und ernst- haffter Wissenschafften seyn/ um die jenigen auch wider ihren Vorsatz gelehrt/ klug und tugendhafft zu machen/ welche daselbst nichts/ als verliebte Eitelkeiten/ suchen würden.“ 1 Pourquoi Descartes? Vor kurzem stellte in einem Beitrag für den Merkur Carlos Spoerhase verwun- dert fest, dass „längst mehr Arbeiten über Durs Grünbein als über Friedrich Klopstock geschrieben [werden], mehr Aufsätze über Elfriede Jelinek als über Franz Grillparzer und Johann Nestroy zusammen, und selbst Gottfried Keller und Theodor Storm erreichen in der Addition lange nicht die Artikelanzahl zu Günter Grass.“ 2 Nun ist es gerade Grünbeins Descartes-Rezeption, die in be- sonders hohem Maße die Federn oder Tastaturen auch jener Kolleginnen und Kollegen in Schwung versetzt, denen die frühneuzeitliche Philosophie sonst Hekuba ist. Für diesen Beitrag hatte ich mir zunächst vorgenommen, mir aus 1 Daniel Casper von Lohenstein: Arminius 2, 1690, ND, Anmerkungen, S. 6. 2 Carlos Spoerhase: Literaturwissenschaft und Gegenwartsliteratur. In: Merkur 68,776 (2014) Heft 1, 15–24, hier S. 15.