1 Queere Fluchten. Welche emanzipatorischen Chancen bergen die aktuellen Debatten und Dynamiken? 1 Yener Bayramoğlu, Benno Gammerl und Carolin Küppers Ibrahim Mokdad flüchtete Ende 2015 im Alter von 29 Jahren aus dem Libanon. Nachdem er dort wegen „homosexueller Handlungen“ festgenommen worden war, musste er sein Ökonomie-Studium nach zwei Semestern abbrechen. 2 Danach fand er aufgrund der Vorstrafe keine Arbeit. Dies war jedoch für ihn noch kein Grund das Land zu verlassen, sondern motivierte ihn dazu, sich im Libanon aktivistisch zu betätigen – bis ihn ein Mann, der Jagd auf LSBTI* Menschen machte, aus dem dritten Stock eines Gebäudes warf. Glücklicherweise bremste ein Auto seinen Aufprall ab und er überlebte mit unzähligen Frakturen. Ein Jahr brauchte Ibrahim, um wieder auf die Beine zu kommen. Als dann auch der Richter im Prozess gegen seinen Angreifer homofeindliche Bemerkungen machte, wusste er, dass er seine Heimat verlassen musste, und machte sich auf den Weg nach Europa. 3 Ibrahims große Hoffnung nun ein neues Leben beginnen zu können, wurde gleich zu Beginn in der Erstaufnahmestelle enttäuscht. Als andere Männer im Camp mitbekamen, dass er schwul ist, beleidigten sie ihn und bewarfen ihn unter der Dusche mit Eiern. Er war dadurch völlig isoliert und wusste nicht, wem er vertrauen und an wen er sich wenden konnte. 4 Durch Zufall fand er den Weg zum Verein Rubicon, einem Beratungszentrum für Lesben und Schwule in Köln, das den Flüchtlingsrat einschaltete. So konnte er seine Verlegung in eine Unterkunft auf dem Land verhindern, wo queere Beratungs- und Unterstützungsangebote für ihn unerreichbar gewesen wären. Wie wichtig gerade für LSBTI* Geflüchtete der Zugang zu queeren Szenen und Zufluchtsorten in den großen Städten ist, zeigen Geschichten wie die von Ibrahim. In Köln gelang es ihm schließlich, eine private Unterkunft zu finden. 1 Für seine umfassende Recherche des aktuellen Forschungsstandes zu LSBTI* Geflüchteten danken wir Simon Werner, Mitarbeiter bei der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. 2 Nathalie Pfeiffer: Schwul, verfolgt, geflohen. In: Dossier Homosexualität, 23.03.2016, http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/homosexualitaet/223555/schwul-verfolgt-geflohen [15.01.2017]. 3 Anja Albert: Ein Feldbett unterm Regenbogen . In: StadtRevue vom Mai 2016, http://www.stadtrevue.de/archiv/archivartikel/9034-ein-feldbett-unterm-regenbogen [15.01.2017]. 4 Anja Katzmarzik: Homosexuelle Flüchtlinge. Geflohen und doch nicht sicher. In: Kölner Stadt-Anzeiger vom 09.03.2016, http://www.ksta.de/koeln/homosexuelle-fluechtlinge-geflohen-und-doch-nicht-sicher-23696216 [15.01.2017].