75 Konstellationen von Praktiken in der Praxis des Musikunterrichts Eine praxistheoretische Annäherung Christopher Wallbaum & Christian Rolle Der Text erkundet das Potential von Praxistheorie (oder Praxeologie) für die musikpädagogische Forschung, indem er einleitend verschiedene bis- her in der Musikpädagogik verwendete Begriffe von Praxis umreißt und dann am Beispiel eines auf Video vorliegenden Unterrichtsbeispiels zeigt, wie eine praxistheoretisch geleitete Analyse verfahren und welchen Ertrag sie bringen kann. Parallel werden einige Grundfragen thematisiert, die sich aus einer praxistheoretischen Positionierung ergeben. Im Hintergrund dieses Beitrags steht die Frage danach, was guten Unter- richt ausmacht, allerdings nicht im Sinne der Frage, an welchen Werten sich die Ziele von Musikunterricht explizit ausrichten sollten (ob an Patri- otismus, Mündigkeit, Fachkompetenz o.a.), sondern hinsichtlich der Frage, wie Normen in die Praxis von Musikunterricht eingewoben sind. Der Praxisbegriff hat in der wissenschaftlichen Musikpädagogik in den vergangenen zwanzig Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Das mag mit der schon länger währenden Konjunktur des Klassenmusizie- rens zusammenhängen, weist aber über ein eingeschränktes Verständnis von Musikpraxis als Musizieren hinaus. Eine Auffassung von Musik als Praxis schließt vielfältige „Umgangsweisen mit Musik” 1 ein und führt kon- sequenterweise zu einer performativen Verflüssigung des Musikbegriffs, 1 Das ist eine musikdidaktisch gängige Formulierung, seitdem Dankmar Venus vorschlug, nicht Musik, sondern „Verhaltensweisen gegenüber Musik“ (Venus 1969) sollten Inhalt des Musikunterrichts sein, um dem Musikunterricht damit über das vorherrschende Singen hinaus andere Praktiken wie das Musikhören zu erschließen. Allerdings bleibt die Rede von Umgangs- oder Verhaltenswei- sen insofern irreführend, als sie weiterhin suggeriert, dass ein Gegenstand Mu- sik unabhängig von menschlichem Handeln und Verhalten gegeben sei und nur Umgangsweisen veränderbar seien. Die Formulierung weist auf Praxen, in de- nen Musik als notiertes Werk oder als Tonaufnahme der Aufführung eines Werkes vorliegt. In: Heß, Frauke & Oberhaus, Lars & Rolle, Christian (Hg.) 2018: Zwischen Praxis und Performanz. Zur Theorie musikalischen Handelns in musik-pädagogischer Perspektive. Sitzungsbericht 2017 der Wissenschaftlichen Sozietät Musik-pädaogik. (=Wissenschaftliche Musikpädagogik Bd.8), S. 75-97