Das gesamte Mittelalter hindurch blockierten geistige Mauern, härter als Stein, den Austausch zwischen der Welt der Bücher und der Kontemplation, in der Gelehrte nachdachten und grübelten, und der Welt der körperlich harten Arbeit, in der Handwerker Stein und Holz bear- beiteten. Wie Erwin Panofsky vor einem halben Jahr- hundert zeigte, wurden diese Mauern im späten 15. und im 16. Jahrhundert durchbrochen. Künstler begannen menschliche Körper zu sezieren und betraten damit ein Gebiet, das vorher ausschließlich Medizinern vorbehal- ten war. Aus Leonardo da Vinci zum Beispiel wurde ein Anatom mit Leib und Seele, der sich sogar ausgesprochen wohl fühlte, wenn überall in seiner Werkstatt Präparate herumlagen. Und er sah sich selbst als weitaus besseren Anatomen als manch einen Schulmediziner; denn sein Können auf dem Gebiet des perspektivischen Zeichnens erlaubte ihm nicht nur zu beschreiben, was er in den se- zierten Körpern sah, sondern dies auch detailliert und eindrucksvoll anderen mitzuteilen. In Leonardos be- rühmten Manuskripten dienten die Illustrationen nicht der bloßen Dekoration, sie bildeten vielmehr eine konsti- tutive Einheit mit dem Text. Diese radikal innovativen Text-Bild-Zusammenstellungen dokumentieren zugleich des Autors Selbstverständnis als eines gebildeten und eigenständigen Menschen; aber sie waren auch und vor allem Ausdruck jenes neuen Künstlertums, das sich he- rauszubilden begann. Wie nicht wenige andere, die heute als Künstler be- zeichnet werden, erwies sich Leonardo als Meister zahl- reicher und vielseitiger praktischer Fähigkeiten: Er war ebenso Ingenieur wie Maler, Konstrukteur wie Anatom. Der neue Typus des Künstleringenieurs führt jedoch auch eine bestimmte Traditionslinie fort: Der Anspruch, Macht über die Natur zu erlangen, aber auch das Bestre- ben, das Naturverständnis schriftlich zu dokumentieren, orientieren sich am Vorbild der Ingenieure des 14. und 15. Jahrhunderts. Diese brillanten Erfinder hatten eine Welt voller neuartiger und außergewöhnlicher Konstruk- tionen geschaffen: große öffentliche Uhren, leistungs- starke Pumpen, riesige Kanonen, Ausstattungen für prunkvolle Umzüge und auch die gewaltige Kuppel des Doms zu Florenz, die sogar kritischste Betrachter wie Leon Battista Alberti in Erstaunen versetzte. Etliche In- genieure verfassten reich bebilderte Schriften, die alle Leonardos Skizzenbüchern ähneln, obwohl sie sich in vielem voneinander unterscheiden. Wie Leonardo ver- binden die Autoren systematisch Zeichnungen – häufig präzise Diagramme – mit Textzusätzen. Wie Leonardo formulieren sie kühne Ansprüche für sich und ihr Werk. Sie führen dabei ihre Ideale ins Feld, vergessen aber auch nicht, ihren hohen gesellschaftlichen Rang mit ins Spiel zu bringen. Nehmen wir etwa jenen Ingenieur aus Siena, der sich nicht eben unbescheiden vorstellt und gewisser- maßen mit einer ethisch gerechtfertigten Programmatik inszeniert: »Ich, der Notar Mariano Taccola, auch ge- nannt der Archimedes der großen und mächtigen Stadt Siena, entwarf nicht eigenhändig diese Geräte, um gegen Christen vorzugehen, sondern erfand, entwickelte und zeichnete sie so, dass sie gegen die Ungläubigen und ge- gen barbarische Völker eingesetzt werden können.« Mit anderen Worten, das Ingenieurwesen entwickelte sich in der Renaissance zu einer selbstbewussten Disziplin, die sich gleichermaßen auf ihre Anciennität wie auf ihre neuen Verdienste berief: Erfindungen in der Tradition der Antike. Aber es gab auch einen anderen Weg, den Ingenieure im 15. Jahrhundert einschlugen, um Ansehen zu gewin- nen. Er war damals in dem Maße selbstverständlich, wie er uns heute widersprüchlich erscheint: Ingenieure ver- banden ihre praktische Arbeit und Zielsetzung mit den Kräften der ›schwarzen Kunst‹, denn Technik und Magie galten als durchaus gleichberechtigte ›Wissenskünste‹. Mitunter bestanden die Ingenieure einfach darauf, beide Künste auszuüben. Conrad Kyeser beschrieb und illus- Wissenschaftskabinett 87 86 Anthony Grafton Macht über die Natur: Technik und Magie