Karin Stögner Natur als Ideologie Zum Verhältnis von Antisemitismus und Sexismus Wird das Verhältnis von Antisemitismus und Sexismus analysiert, dann kann es nicht darum gehen, ihre Auswirkungen auf die Betroffenen einander gleichzu- setzen. Angestrebt wird vielmehr, die Verzahnungen der beiden Ideologien auf der strukturellen, funktionalen und motivationalen Ebene zu benennen und kritisch zu durchdringen. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wofür das Weibliche und das Jüdischein Sexismus und Antisemitismus jeweils stehen, welche ge- sellschaftlichen Funktionen sie haben und welche ungelösten gesellschaftlichen Strukturprobleme sie überdecken.¹ Dass der Antisemitismus mit sexistischen Momenten operiert, wird evident an spezifischen Geschlechterbildern und Imagines einer abweichenden Sexuali- tät, die Juden und Jüdinnen zum Zweck der Ausgrenzung zugeschrieben werden. Die Vorstellung, dass Juden und Jüdinnen die Geschlechterbinarität unterlaufen würden, gehört ins fixe Repertoire rassistisch-antisemitischer Ideologie. Pointiert ausgedrückt findet sich das in der Rassenkunde des jüdischen Volkes von Hans F. K. Günther aus dem Jahr 1930: Unter den Juden findet sich verhältnismäßig häufig eine Entartungserscheinung, die man als Sexuelle Applanationbezeich- net hat und die sich in einer gewissen Verwischung der leiblichen und seelischen sekundären Geschlechtsmerkmale äußert: besonders häufig treten unter den Ju- den weibische Männer und männische Weiber auf. Die Zwiegestalt der Ge- schlechter (Dimorphismus) scheint innerhalb des Judentums überhaupt wenig betont zu sein.² Das Bildarchiv der Moderne ist voll solcher Bilder von effemi- nierten Juden und maskulinisierten Jüdinnen.³ Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Grenzen der Heteronormativität und Genderbinarität überschreiten. Jedoch auch auf anderen, entlegeneren Gebieten wirkt die ideologische Verschränkung von Antisemitismus und Sexismus, etwa im gesellschaftlichen Umgang mit Natur oder in der ideologischen Externalisierung der kapitalistischen Ausbeutungslogik im antisemitischen Stereotyp des Geldjuden , das regelmäßig in Verbindung mit Diskursen über Prostitution, Emanzipation und intellektueller Ungebundenheit Vgl. dazu ausführlich Stögner, Karin: Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaft- liche Konstellationen. Baden-Baden 2014. Günther, Hans F. K.: Rassenkunde des jüdischen Volkes. Zweite Auflage. München 1930, S. 272. A.G. Genderkiller: Antisemitismus und Geschlecht. Vom maskulinisierten Jüdinnen, effe- minierten Juden und anderen Geschlechterbildern. Münster 2005. https://doi.org/10.1515/9783110537093-004