173 Werner Sesink Entwicklung eines universitären Arbeitsbereichs durch Neue Medien. Ein Rückblick Einleitung Mitte der 90er Jahre legte die Bertelsmann-Stiftung das Programm „Bildungswege in der Informationsgesellschaft“ (BIG) auf. Das war die Zeit der Internet- und E-Learning-Euphorie; die Zeit, in der auch das Programm „Schulen ans Netz“ initiiert wurde; die Zeit, in der die Vorstellung sich verbreitete, die Zukunft des Lernens liege im Cyberspace und E-Learning werde das Lernen für alle orts- und zei- tunabhängig, individualisiert, stets aktuell, billiger, schneller, weniger anstrengend und bei all dem auch noch effektiver gestalten. Eine der im Rahmen von BIG propagierten Visionen lautete „Hochschulent- wicklung durch neue Medien“ [Hamm/Müller-Böling 1997]. Für einen Pädagogen ist das, was damals entstand und bis vor wenigen Jahren Konjunktur hatte, sowohl bemerkenswert als auch merkwürdig: Der Informations- und Netzwerktechnologie wurde das Potenzial zugeschrieben, Bildung in ihrer ganzen Breite, also nicht nur in Bezug auf sozusagen niedere (repetitive, rezeptive) Formen des Lernens, sondern auch im Bereich der anspruchsvollsten Formen des Lernens so zu reformieren, dass nun endlich all die alten uneingelö- sten Versprechen der Pädagogik tatsächlich erfüllt werden könnten. Damit geht der Reformimpuls für Bildungsprozesse scheinbar nicht mehr von der Pädagogik und ihren Ideen aus, sondern von den tech- nischen Mitteln. Das geht soweit, dass bis heute der Pädagogik in Theorie und Praxis vorgeworfen wird, sie bleibe hinter den von der IuK-Technologie bereitgestellten pädagogischen Möglichkeiten zu- rück. Diese Technologie ist – so scheint es – der Pädagogik pädago- gisch voraus. Den allerorts diagnostizierten Rückstand aufzuholen, scheint daher im ureigensten Interesse der Pädagogik zu liegen. 139 Von der Vorstellung, die Technologie als solche sei schon der pädagogische Reformmotor, dessen Vortriebskräften sich die Päda- gogik nur ruhig anvertrauen möge, hat man sich als einer doch allzu naiven Technikgläubigkeit inzwischen weitgehend verabschiedet. Die 139 Zu diesem angeblichen Modernitätsrückstand der Pädagogik vgl. [Sesink 2000, 9-28]