38 Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie Phänomenal Über das Hinzuziehen weiterer Personen zur Psychotherapie Thomas Fuchs (Bonn) und Gerhard Stemberger (Wien und Berlin) Zusammenfassung Der Beitrag untersucht mögliche Aus- wirkungen von Setng-Veränderun- gen in der Psychotherapie durch das Hinzuziehen weiterer Personen zu ei- ner ursprünglich dyadisch angelegten Therapie. Insbesondere wird heraus- gearbeitet, inwiefern die erkenntnis- theoretsche Perspektve des kritschen Realismus bei der Abschätzung der Kon- sequenzen einer solchen Veränderung praktsch hilfreich sein kann. Es geht da- rum, die unterschiedliche Struktur und Dynamik der Wirkkräfe und damit auch der Arbeitsmöglichkeiten gut zu verste- hen, die bei einer solchen Setng-Ver- änderung im Vergleich zum dyadischen Setng aufauchen. Diese lassen sich in einer gestaltheoretschen Begrifich- keit gut erfassen und benennen. Einleitung Im Rahmen der Entwicklung der Familientherapie wurde lange Zeit über die Frage debatert, wer denn an den Therapiesitzungen teilneh- men müsse: Tatsächlich die gesam- te Familie? Oder genügen Teile der Familie oder auch Einzelpersonen? Diese Auseinandersetzung soll hier nicht weiter verfolgt werden (zu verschiedenen Formen der Fami- lientherapie siehe Kriz 1991) - stat dessen wird hier eine praktsche Frage behandelt, die immer wieder im Verlauf eines therapeutschen Prozesses aufauchen kann: Ob nämlich das (temporär begrenzte oder dauerhafe) Hinzuziehen einer der Patentn nahe stehenden Per - son zu einer ursprünglich als Thera- pie in der Dyade („Einzeltherapie“ 1 ) begonnenen Psychotherapie hilf- reich oder durch besondere Um- stände sogar gefordert sein könnte. Im Fall der Therapie von Kindern ist es in aller Regel geboten (und recht - lich geregelt), die Eltern am thera- peutschen Prozess zu beteiligen. Aber auch in vielen anderen Fällen scheint sich die Frage zu stellen, ob es förderlich sein könnte, z.B. die Partnerin oder den Partner der in Therapie befndlichen Person in die Therapie einzubeziehen. Die Idee, das dyadische Setng einer Therapie derart zu verändern, kann 1 Der Begrif der „Einzeltherapie“ ist insofern irreführend, als natürlich auch hier zwei Personen beteiligt sind, nicht nur die Klientn, sondern eben auch die Therapeutn. Dieser Tatsache wird der Begrif der „Psychotherapie in der Dyade“ besser gerecht (Dyade = Beziehung in der Zweiheit). dabei von allen denkbaren Seiten kommen: von der Patentn selbst, von der Therapeutn oder auch von einer aus Sicht der Dyade außen ste- henden Person (z.B. dem Partner/der Partnerin). Nun lassen sich sicherlich viele Situatonen erdenken, in denen eine Erweiterung des Kreises der an der Therapie aktv beteiligten Perso- nen für eine Problemlösung hilfreich erscheinen kann. Man denke etwa an den Fall eines wiederkehrenden Konfikts der Patentn mit einer ihr nahestehenden Person. Varianten einer Setng-Änderung Eine Veränderung des dyadischen Setngs kann die verschiedensten Formen annehmen: - Bedeutsame Bezugspersonen können zu den Therapiesitzungen hinzugezogen werden. Das kann mit der ausgesprochenen und mit allen Beteiligten abgesprochenen Absicht geschehen, bezüglich eines bestmmten Themas oder bedeut - samen Konfiktes einen Fortschrit zu erzielen. Ist das erreicht, wird die hinzugezogene Person wieder „entlassen“. Eine Variante davon ergibt sich mitunter am Beginn ei- ner Therapie, wenn unsichere oder ängstliche Patenten eine vertraute Begleitperson zur Unterstützung mitbringen. Nach Absprache ist es hier in der Regel sinnvoll, die Be- gleitperson solange einzubeziehen, bis sich ein erstes Sicherheitsgefühl bei der Patentn eingestellt hat. - Denkbar ist aber auch, dass diese zusätzliche Person – wiederum im Einvernehmen mit allen Beteiligten - dauerhaf in die Therapie eintrit. Handelt es sich z.B. um den Partner einer Patentn, würde das bedeu- ten, dass sich eine „Einzeltherapie“ in eine Paartherapie umwandelt. - Auch die Überführung einer am- bulanten Therapie in eine statonä- re Therapie bedeutet zwangsläufg eine weitreichende Setng-Verän- derung, ebenso wie der Wechsel der Patentn in eine Gruppentherapie (mit oder ohne gleichzeitge Fort - führung der Therapie in der Dyade). Ein Beispiel Im Folgenden sei ein Beispiel skiz- ziert (frei erfunden, aber so oder so ähnlich sicherlich vielen Thera- peutnnen vertraut): Eine Patentn befndet sich im fort - geschritenen Verlauf einer „Einzel- „Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaf.“ Jean Paul Sartre