71 George Yaakov Kohler Eine Idee mit vielen Vätern – Rabbi Joseph Carlebach und der jüdische Messias Im Dezember 1863 fand in Wien ein seltsamer Gerichtsprozess statt. An- geklagt war eigentlich der bekannte jüdische Historiker Heinrich Graetz, doch da Graetz sicher und weit entfernt im preußischen Breslau saß, wo er zu dieser Zeit am Jüdisch-Theologischen Seminar unterrichtete, musste sich vor dem Wiener Landgericht der österreichische Politiker, Schriftsteller und Journalist Leopold Kompert verantworten. Kompert hatte in dem von ihm herausgegebenen Wiener Jahrbuch für Israeliten von 1863 einen längeren Aufsatz von Graetz mit dem Titel „Die Verjüngung des jüdischen Stammes“ veröffentlicht – und dieser Aufsatz erregte nun den Ärger des k. u. k. Staats- anwaltes, sodass sogar ein öffentlicher Prozess angestrengt werden musste. 1 Was war geschehen? Graetz hatte in seinem Aufsatz dargestellt, wie das Judentum in der Neuzeit eine für alle überraschende Wiederbelebung seines geistigen und religiösen Lebens erfahren hatte. Im Kontext einer in den Text eingeflochtenen Interpretation des zweiten, des „exilischen Jesaias“ schrieb Graetz auch den Satz „Israel ist das Messias=Volk“. 2 Dieser „große Gedanke“ des Jesaja entspricht auch der Überzeugung des Historikers: Nicht eine bestimmte Person, sondern das Volk Israel ist aus seiner Sicht