Sandra Vlasta (Wien) Exotische Lücken? Zur Mehrschriftlichkeit in Texten von Semier Insayif, Hamid Sadr und Yoko Tawada In Yoko Tawadas Roman Schwager in Bordeaux (2008) wird der deutsche Text immer wieder durch ganzseitige, mehrfarbig gestaltete Abbildungen sogenannter Kanji, japanischer Schriftzeichen, unterbrochen. Außerdem wird der Text, seine einzelnen Absätze, durch Kanji gegliedert; die Ideogramme, die in blauer Farbe gedruckt sind, trennen die Absätze voneinander und scheinen jeweils einem inhaltlich neuen Abschnitt als Titel voranzustehen. Es finden sich keine übersetzenden oder ausdrücklich erklärenden Kommentare zu diesen Ideogrammen – den LeserInnen, die des Japanischen nicht mächtig sind, bleibt, zumindest auf den ersten Blick, der Sinn verwehrt. Wenngleich wahrscheinlich aus dem Kontext (über den noch zu sprechen sein wird) erkannt wird, dass es sich um japanische Schriftzeichen handelt, werden diese wohl eher als Illustrationen denn in ihrer Bedeutung rezipiert. Die Zeichen bilden damit Lücken im Text, die semantisch nicht verstanden werden, die LeserInnen aber zu einem Prozess des Verstehenwollens inspirieren können. Auch wenn das Übersetzen (aufgrund mangelnder Sprachkenntnis) nicht möglich ist, wird hier doch ein Vermittlungsprozess in Gang gesetzt, der nicht zuletzt ästhetische Dimensionen hat. Andere AutorInnen verwenden ebenfalls fremdsprachige, auch graphisch different gestaltete Elemente in ihren Texten. Hamid Sadr zum Beispiel löst die dadurch entstehenden Lücken im Roman Der Gedächtnissekretär (2005) durch Übersetzung der persischen Phrasen auf. Semier Insayifs Roman Faruq (2009) arbeitet hingegen auf verschiedenen Ebenen: Sich großteils einer transliterarisierenden, übersetzenden, vermittelnden Verwendung bedienend, werden die LeserInnen im Lauf des Textes auch mit arabischen Zeichen und Worten konfrontiert, die für sich, ohne Übersetzung, im Text stehen. Nach der Vorstellung der drei Texte und ihrer mehrschriftlichen Elemente analysiert dieser Beitrag die Wirkung solch fremdsprachiger Lücken, dabei soll auch der Frage nachgegangen werden, inwiefern sie exotische bzw.