1 [Vortragsmanuskript. Work in progress. Literaturhinweise am Schluss. Bitte nur mit Einwilligung des Autors zitieren: jtanner@hist.uzh.ch] Tagung «Heimat und Demokratie», veranstaltet durch Gesundheit und Medizin Volkshaus Zürich, 8. Dez. 2018 Jakob Tanner Die Schweiz als Heimat? 44 Jahre nach der Rede von Max Frisch I. Heimat ist kein unschuldiger Begriff. Das gilt gerade heute angesichts der aktuellen Virulenz von Heimatdiskursen und Heimatinszenierungen. Gegen vorschnelle Versuche, Heimat zu idealisieren und das Bedürfnis danach zur anthropologischen Konstante zu stilisieren, gehe ich davon aus, dass wir eine historische Anthropologie der Heimat benötigen. Diese zeigt dann gleich mehreres. Ich erwähne drei Punkte: Erstens waren und sind Heimatgefühle häufig das Korrelat zu einer Sehnsucht nach der Ferne. Die Sehnsuchtsorte von Menschen zeichnen sich grade dadurch aus, dass man nicht da ist, wo diese im eigenen Imaginären angesiedelt sind. Darüber hinaus gibt es das Unbekannte, das sowohl Faszination und Neugierde wecken wie auch Abwehr und Ängste hervorrufen kann. Das führt zu unterschiedlichen Verhaltensweisen. Menschen liessen und lassen sich immer zum Verlassen von Orten bewegen, die sie mit heimatlichen Gefühlen verbinden. Umgekehrt klammern sie sich oft an einer, an ihrer Heimat fest. Ohne dieses Spannungsfeld von Nähe und Ferne, von Bekanntem und Unbekanntem, von konkreter Erfahrung und idealer Projekti- on lässt sich das Phänomen, manchmal auch das Phantom von Heimat nicht verstehen. Zweitens ist Heimat nicht einfach eine Erlebnis- oder Existenzkategorie, sondern ein Mobili- sierungskonzept der Politik. Heimat ist ein Wort, das für ganz unterschiedliche Zwecke in- strumentalisiert werden kann. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert haben es politische Bewe- gungen benutzt oder missbraucht. Mit dem Rekurs auf Heimat kann man, so die Meinung, Leute da abholen, wo sie sind und sie dahin bringen, wo man sie haben möchte. Und dieser Zielort ist manchmal eine Demokratie, in der normative Orientierung, zwischenmenschliche Geborgenheit und wechselseitige Anerkennung möglich ist – und manchmal eine monströse Welt ethnisch-völkischer Homogenität, in der alle, die nicht dazugehören, als Heimatfeinde apostrophiert und als sogenannte «Fremdkörper» abgestossen werden. Drittens zeigt die historische Semantik, die sich mit dem Bedeutungswandel von Begriffen befasst, dass mit Heimat ganz unterschiedliches gemeint war und ist und dass das Wort in ein ganzes Feld anderer Begriffe integriert ist, zwischen denen sich variable Bedeutungsschnitt- mengen ergeben. Ich erwähne etwa Gemeinschaft, Land, Nation, Volk, oder – psychologisch vielleicht am einprägsamsten – ganz schlicht «Wir». Etymologisch, von der Wortgeschichte her, steckt in Heimat das «Heim», das im gotischen haims, also «Dorf» bedeutete. Auch heute evoziert «Heimat» weit stärker Bilder einer dörflichen Gegend als eines urbanen Milieus. Heim heisst weiter auch Haus, Wohnung, Aufenthaltsort, Niederlassung, aber auch Sippe und