Preliminary Communication UDC 101.2:130.2–021.2 Received January 13 th , 2014 Dean Komel Universität Ljubljana, Philosophische Fakultät, Abteilung für Philosophie, Aškerčeva 2, SI–1000 Ljubljana dean.komel@guest.arnes.si Über die Möglichkeiten und Grenzen der interkulturellen Philosophie Zusammenfassung Die Diskussion über das Phänomen der Interkulturalität hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur als eines der wichtigsten Themen der zeitgenössischen Philosophie hervorgeho- ben, sie bestimmt sogar entscheidend das allgemeine Verständnis des Sinns der Philosophie und ihrer sozialen Anwendung im Allgemeinen. Im Artikel wird die Frage betrachtet, ob die philosophische Reflexion auf Interkulturalität in der Erfahrung einer „Kultur ohne Gren- zen“ gegründet werden kann, oder aber die interkulturelle Erfahrung Grenzen berührt, die auch die Möglichkeiten der interkulturellen Philosophie unmittelbar bestimmen. Das Phänomen der Grenze wird im Zusammenhang mit einer möglichen Begegnung mit dem Anderen und dem Verständnis der Alterität erläutert, soweit es eine hermeneutische Situati- on des Grenzenüberschreitens vor Augen führt. Schlüsselwörter Interkulturalität, Kultur, Differenz, Identität, Grenze Hans-Georg Gadamer schließt seinen Aufsatz über die Zukunft der europä- ischen Geisteswissenschaften in dem Band Das Erbe Europas mit der Fest- stellung ab: „Es scheint mir wie das sichtbarste Lebenszeichen und wie der tiefste geistige Atemzug, in dem sich Europa seiner selbst bewusst wird, dass es im Wettbewerb und im Austausch der Kul- turen die wesenhafte Eigenart gelebter Traditionen im Bewusstsein festhält. Daran mitzuwirken, scheint mir der bleibende Beitrag, den die Geisteswissenschaften nicht nur für die Zukunft Eu- ropas zu leisten haben, sondern für die Zukunft der Menschheit.“ 1 In dieser Feststellung lässt sich zweifelsohne eine Aufgabe der interkulturell ausgerichteten Philosophie wiederfinden, die in den letzten Jahrzehnten das Verständnis der Philosophie und der Geisteswissenschaften überhaupt von Grund auf bestimmt hat. Gadamer selbst setzte sich mit dem Problem der In- terkulturalität nicht sonderlich auseinander, auch wenn ihm das Phänomen der interkulturellen Verständigung zumindest im Zusammenhang der Konzeptua- lisierung des ‚Verstehens‘ in seiner Hermeneutik bekannt gewesen sein dürfte. Aber der Problembereich der interkulturellen Philosophie lässt sich natürlich keineswegs auf ein verstehendes Verhältnis zu „gelebten Traditionen“ redu- zieren, da hier das Verständnis der Philosophie- und Kulturtradition gänzlich außer Acht gelassen wird. Ram Adhar Mall hat in dieser Hinsicht und vom Standpunkt einer interkulturellen Philosophie aus eine Kritik an Gadamers 1 Hans-Georg Gadamer, Das Erbe Europas, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 62.