462 463 Limes XXIII · Kapitel 10 · Session 9 – An Imperial Policy of “Defence in Depth”: a Reality or a Mirage? SUMMARY The contribution deals with the region around the Kaiserstuhl hills on the southern Upper Rhine. It outlines the development of the region from a rural area characterized by individual settlements and vici to a section of the border region (ripa) in Late Antiquity. Recent research projects have yielded crucial aspects that allow us to better understand this structural change, and these aspects are presented here. Contrary to what was previously believed, Gallo-Roman settle- ment structures from the Middle Imperial period can be shown to have existed on the right bank of the River Rhine up to around AD 280. That is when radical change evidently took place. A fortifed settlement spread over 7 ha (more than 17 acres) was newly founded on the Münsterberg hill at Breisach. It is no longer ten- able to interpret the stronghold purely as a military facility; the lo- cation, rather, exhibits distinctly urban features and is highly likely to have also played a signifcant administrative role. The break in the settlement landscape between the Imperial peri- od and Late Antiquity is clearly visible and raises various questions: was there a state directive that prompted the abandonment of the territory on the right bank of the River Rhine? Was Breisach found- ed as a new settlement to accommodate the inhabitants of the vici and villae in the area, with a strong emphasis on the additional fortifed component? (Translation: Sandy Hämmerle) FRAGESTELLUNG Nach Ansicht E. N. Luttwaks wurde von Diokletian eine Veränderung der Funktionsweise innerhalb der Grenzsi- cherung des Imperium Romanum vorgenommen 1 : Die of- fensiv ausgerichtete Verteidigung der mittleren Kaiser- zeit wurde als Reaktion auf die krisenhaften militärischen Ereignisse während des 3. Jahrhunderts von der römi- schen Administration zugunsten einer defensiven Aus- richtung aufgegeben. In der Grenzzone gelegene befestig- te strong-points sollten nun im Fall von Angriffen auf das Reichsgebiet Versorgungsgüter sichern, während das Hin- terland preisgegeben wird. In der Forschung wird jedoch angezweifelt, dass die römische Administration eine ge- samtkonzeptionelle Vorstellung zur Verteidigung ihrer Grenzzonen besaß 2 . Vielmehr wird angenommen, dass mit deren Einrichtung und Funktionsweisen auf regionale Herausforderungen reagiert wurde und die Grenzzonen daher regional differierten. Für eine exemplarische Annäherung an die Frage, wie sich die Einrichtung einer spätantiken Grenzzone dar- stellte, eignet sich das Gebiet vom Kaiserstuhl im Norden bis zum Rheinknie bei Basel im Süden aufgrund seiner be- sonderen Besiedlungsgeschichte während der Römerzeit in besonderem Maße: Das Gebiet befand sich vom ausge- henden 1. bis ins 3. Jahrhundert hinein weitab von Militär- einrichtungen, erst mit der Aufgabe des Obergermani- schen Limes und der Einrichtung der Provinz Sequania unter Kaiser Diokletian lag es wieder in einem Randbe- reich des Imperium Romanum. Für die Einrichtung der spätantiken ripa Rheni 3 konnte die römische Administra- tion daher am Oberrhein nicht an mittelkaiserzeitliche Militärplätze anknüpfen, sondern war gezwungen, neue Strukturen zu etablieren. Dies verspricht, dass sich solche am Oberrhein besser erkennen und datieren lassen als in Räumen, die von der mittleren Kaiserzeit bis in die Spä- tantike kontinuierlich eine Funktion als Grenzzone wahr- nahmen. Um zu überprüfen, ob die Einrichtung der Grenzzone am südlichen Oberrhein als Reaktion auf regionale Ereignisse und Besonderheiten zu sehen ist bzw. inwieweit sich ein übergeordnetes Handeln der römischen Administration erkennen lässt, soll im Folgenden zunächst betrachtet werden, wie sich die Siedlungslandschaft im Rechtsrheini- schen bis zur Einrichtung der spätrömischen Grenzzone entwickelte. In einem zweiten Schritt werden die frühes- ten Einrichtungen der spätrömischen ripa Rheni im Ober- rheingebiet hinsichtlich ihrer zeitlichen und räumlichen Verteilung sowie ihrer funktionalen Dispositionen unter- sucht. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Breisach/Brisia- cum (Baden-Württemberg), dem namengebenden Ort für den durch die Einheiten der Brisigavi seniores/iuniores schon in der Notitia Dignitatum indirekt bezeugten Breis- gau 4 . In einer Zusammenschau soll betrachtet werden, in welchem chronologischen und kausalen Zusammenhang die Aufgabe der mittelkaiserzeitlichen Strukturen im Rechtsrheinischen und die Einrichtung der spätrömi- schen Grenzzone stehen. Im Vordergrund steht dabei die Frage, ob es anhand der archäologischen Befunde und Funde plausibel erscheint, dass aktive staatliche Eingriffe zumindest teilweise für die massiven Veränderungen der politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen am Ende des 3. Jahrhunderts verantwortlich sind. SPÄTANTONINISCHE BLÜTEZEIT ODER KRISE? Um das Jahr 200 n. Chr. schien die Siedlungslandschaft im rechtsrheinischen Oberrheingebiet in ihrer vollen Blüte LARS BLÖCK UND MARCUS ZAGERMANN Vom Hinterland zur Grenzzone – Das südliche Oberrheingebiet zwischen 200 und 300 n. Chr. Abb. 1: Das rechte südliche Oberrheingebiet im 3. Jahrhundert (Nummerierung nach Blöck 2016). LARS BLÖCK UND MARCUS ZAGERMANN Vom Hinterland zur Grenzzone – Das südliche Oberrheingebiet zwischen 200 und 300 n. Chr.