1 DAS KONSERVATORIUM KLAIPĖDA 1923–1939: MUSIKALISCHE LITAUISCH-DEUTSCHE BEZIEHUNGEN Danutė Petrauskaitė Voraussetzungen für die Gründung des Konservatoriums Klaipėda Der Gedanke, ein Konservatorium als eine Musikhochschule in Litauen zu gründen, wurde bereits von den ersten litauischen Komponisten Mikalojus Konstantinas Čiurlionis, Česlovas Sasnauskas, Juozas Naujalis, Stasys Šimkus und Juozas Gruodis am Anfang des 20. Jh. gepflegt. Da sie selbst im Ausland studiert und dort Not gelitten hatten, bemühten sie sich, die musikalische Ausbildung für die junge litauische Generation in ihrer Heimat zu ermöglichen. Das war jedoch nicht ganz einfach. Die Zugehörigkeit zu dem zaristischen Russland, die Zeit des Presseverbots und der 1. Weltkrieg hinderten jegliche kulturelle Initiative. Erst im Jahre 1918, nach der Unabhängigkeitserklärung Litauens, konnten alte Träume verwirklicht werden. Den ersten Schritt wagte Naujalis, der 1919 in Kaunas eine Musikschule gründete und die bedeutendsten litauischen Musiker der damaligen Zeit zum Unterrichten einlud. Šimkus war mit dieser Schule jedoch nicht zufrieden. In seinen Augen war die Musikschule zu bescheiden und perspektivlos, weil dort nur Sänger, Organisten und Pianisten ausgebildet wurden. Wo bleiben denn Musiker von Sinfonieorchestern? fragte sich Šimkus und entschied sich, ein Konservatorium nach seiner eigenen Vision zu gründen. Außerdem fand Šimkus das musikalische Umfeld in Kaunas unattraktiv, er fühlte sich dort fremd und unverstanden. Er war gezwungen, Litauen zu verlassen und zum Studium nach Deutschland zu gehen 1 , die Idee von der Gründung des Konservatoriums gab er jedoch nicht auf. Im Gegenteil, das rege musikalische Leben in Leipzig bewegte ihn zur neuen Tätigkeit. Davon zeugt der Brief an seine Frau: „In Leipzig fühle ich mich ganz anders als in Kaunas oder irgendwo anders: ich habe Lust, zu arbeiten, es scheint, die Umgebung selbst fordert mich dazu auf. Als ob der Boden unter den Füßen mit jeder Stunde immer fester würde“ 2 . Es bestehen keine Zweifel, dass Šimkus früher oder später in irgendeinem Ort in Litauen ein Konservatorium gegründet hätte, jedoch die Einladung von seinem alten Freund Jonas Žilius, der zu der Zeit als litauischer Konsul in Klaipėda tätig war, bewegte ihn dazu, in die Stadt zu gehen, d ie damals ein Teil des deutschen Staates war, offiziell Memel hieß und in der viele Menschen litauischer Herkunft lebten. Am Anfang des 20. Jh. lebten im Memelland 2/3 aller Litauer Kleinlitauens. Am 20. Januar 1925 waren in diesem Gebiet 141 645 Einwohner gemeldet: 45,2% Deutsche, 26,5% Litauer, 1 Stasys Šimkus hat 1921–1922 Kompositionswissenschaften an den Konversatorien in Leipzig und Berlin studiert. 2 Der Brief von Stasys Šimkus an Sofija Šimkienė, 11. April 1921 Lei pzig, Museum für litauische Musik von Mikas und Kipras Petrauskai, GEK, 1081.