193 Dean Komel Hermeneutischer Eros 1 „Das erste, womit das Verstehen beginnt, ist, dass etwas uns anspricht. Das ist die oberste aller hermeneutischen Bedingungen“, schreibt Gadamer in seiner Schrift Vom Zirkel des Verstehens (Gadamer 1986, 84). Was ist aber die geschichtliche Voraussetzung für die hermeneutische Bedingung eines solchen Anspruchs in der Philosophie? Diese Frage steht in einem merkwürdigen Zusammenhang mit dem nicht selten an die philosophische Hermeneutik herangetragenen Vorwurf, ihre gegenwärtige Gestalt könne nicht mit ihren Anfängen in der griechi- schen Frühzeit der Philosophie in Verbindung gebracht werden. Das her- meneutische Problem umfasse daher lediglich die Philosophie in ihrer späten geschichtlichen Ausprägung, komme jedoch in ihrer Frühzeit nicht vor. Nimmt man diesen Vorwurf ernst, würde dies nicht nur bedeuten, dass die Kritik der interpretativen Vernunft als Charakteristik der gegenwärtigen philosophischen Hermeneutik nichts gemein hätte mit der Kunst der Inter- pretation, die den Namen Hermeneutik trägt. Es hieße auch, dass alle Ver- suche, Hermeneutik und hermeneia als ein vom Gott Hermes übereignetes Vermögen unmittelbar miteinander zu verbinden, im Voraus zum Scheitern verurteilt sind. Sehr unmittelbar wurde dieser Vorwurf schon vor Jahrzehnten von H.- E. Hasso Jaeger in seinen Studien zur Frühgeschichte der Hermeneutik for- muliert, und zwar dahingehend, dass „die heute proklamierte Hermeneutik ein absolutes Novum [sei], ohne Wurzel in der vorkantischen Philosophie und der von Kant ‚überwundenen’ klassischen Überlieferung abendländi- schen Denkens. Sie hat daher keine Ahnen. Die Hermeneutik ist traditions- los.“ (Hasso Jaeger 1974, 84) Trotz aller ‚etymologischen‘ Erpressungen,