1 Individuum und Individualität in den theologischen Debatten der Spätantike JOHANNES ZACHHUBER Die Frage nach dem Verständnis von Individualität ist nur scheinbar eindeutig. In Wahrheit handelt es sich um zumindest zwei unterschiedliche Problemfelder. Zum einen geht es um die Identifizierbarkeit von Einzeldingen. Diese kann im menschlichen Zusammenleben – und insofern schon im vorwissenschaftlichen Bereich – von großer Relevanz sein. Beispielsweise muss sich in einem Rechtsstreit unter Umständen entscheiden lassen, ob eine Sache tatsächlich das Eigentum einer bestimmten Person ist oder nicht. Oder es muss sich – um im Bereich des Rechts zu bleiben – beweisen lassen, ob ein Verbrechen von einer Person und von niemand anderem begangen worden ist. An Beispielen wie diesen wird deutlich, dass die Identität eines Individuums sowohl durch die Möglichkeit von Verwechslung in Frage gestellt sein kann als auch dadurch, dass die diachrone (und im Prinzip zumindest auch die räumliche) Kontinuität individueller Existenz in Zweifel steht. 1 In dieser Hinsicht lässt sich die Aufgabe theoretischer Erfassung von Individualität demnach so beschreiben, dass sie einerseits dessen Unterschiedenheit von anderen Individuen, andererseits seine Identität mit sich selbst erklären muss. Neben dem Problem der Identifizierbarkeit von Einzeldingen geht es beim Verständnis von Individualität jedoch auch noch um die Frage, inwiefern das Einzelding eventuell etwas jeweils Besonderes, Einmaliges darstellt und, wenn das so ist, worin dieses Besondere besteht und inwiefern es möglicherweise geradezu das Wesen dieses Dinges ausmacht. Beide Fragen sind natürlich nicht gänzlich voneinander unabhängig; vielmehr kann die zweite erst zum Thema werden, wenn die erste beantwortet ist. Nur dann, wenn es überhaupt möglich ist, ein Einzelding als ein solches zu identifizieren, 1 Dies Problem wird offenbar bereits in einer von mehreren antiken Quellen erwähnten Komödie des Dichters Epicharmus im frühen fünften Jahrhundert thematisiert, in dem eine Person die Zahlung seiner Schulden mit dem dialektisch vorgebrachten Argument verweigert, er sei nicht derselbe Mensch, der die Schulden gemacht habe. Für die Rekonstruktion der Szene vgl. D. Sedley, The Stoic Criterion of Identity, in: Phronesis 27 (1982), 255-275.