© 2019, V&R unipress GmbH, Göttingen ISBN Print: 9783847108863 – ISBN E-Lib: 9783737008860 Stefan Rohdewald / Albrecht Fuess / Florian Riedler / Stephan Conermann Wissenszirkulation Neue Zugänge zur Geschichte des Wissens In transosmanischen Handlungsfeldern spielten das Osmanische Reich oder der Kaukasus auch als Drehscheibe fu ¨ r soziale Praktiken der Zirkulation des Wis- sens zwischen den Menschen (Sarasin 2011) eine konstitutive Rolle. Mit neueren Zugängen zu einer Geschichte des Wissens sind weite Bereiche in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt worden, die bisher etwa von der Wissenschaftsge- schichte ausgeklammert worden sind: Wissen ist als »soziales Produkt und Konstrukt« nur in zeitlichen, räumlichen und gesellschaftlichen oder sozialen Einbettungen denkbar und muss deswegen immer wieder neu vermittelt, angeeignet, adapiert oder übersetzt und ausgehandelt werden. Der neuere, er- weiterte Wissensbegriff umfasst sowohl Ideen und Techniken als auch Alltags- wissen und Aberglaube (Landwehr 2002: 66f.). Entscheidend für einen metho- dischen Zugriff auf zentrale Wissenspraktiken sind allerdings Kategorisierun- gen, Unterscheidungen zwischen Gleichem, Ähnlichem und Andersartigem, »Grenzziehungen, Differenzierungen, Inklusionen und Exklusionen« immer im Kontext von Gesellschaft und Kultur. Wissen und soziales Handeln werden in einer breiten Wissensgeschichte unmittelbar voneinander abhängig gemacht. Mental maps sind verantwortlich dafür, was wir sehen und wie wir es einordnen, ohne dass Wissen an sich existieren würde. Mit der situativen, sozialen und kulturellen Lokalisiertheit von Wissen ist von »den Wissen« im Plural zu spre- chen. Von Interesse sind unter einem solchen Blickwinkel die Herstellung, die Rezeption und die räumliche Verbreitung von Wissen im transosmanischen Zusammenhang. Wenn Wissen im Plural als Kultur betrachtet wird (Landwehr 2002: 70ff.), ist die Verschiebung und Ausweitung des Interesses an Praktiken des Wissens mit dem der Veränderung des Verständnisses von ›Kultur‹ in ein Wechselverhältnis zu stellen: Nicht mehr allein Hochkultur, oder eben Wissenschaft und gelehrtes Wissen, sondern Populär- und Alltagskultur bzw. Handlungswissen aller so- zialen Gruppen oder Zusammenhänge sind entscheidend geworden. Im Rahmen Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-SA 4.0