Stefano Brugnolo Marx und der abnorme Charme der Bourgeoisie Betrachtet man die beiden Schlüsselbegriffe von Marx´ Theorie, Kapitalismus und Bourgeoisie, so scheint der erste nach wie vor geläufig und verbreitet zu sein. Ganz anders verhält es sich mit dem Begriff der Bourgeoisie: »Es ist noch nicht so lang her, dass kein sozialwissenschaſtlicher Aufsatz auf diesen Begriff verzichten mochte; heute kann es Jahre dauern, bis man ihm mal wieder begegnet. Der Kapitalismus ist mächger denn je, doch seine menschliche Verkörperung scheint vollkommen von der Bildfläche verschwunden« 1 . Es ist also, als ob die Schöpfung der Bourgeoisie inzwischen von ihrem Schöpfer unabhängig lebt. Sie ist auf voller Fahrt, allerdings ohne ein Subjekt, das sie steuert. Und genau deshalb lohnt es sich, auf einige prominente Stellen in Marx´ Werk zurückzukommen, die sich mit dieser Klasse, mit ihrer historischen Rolle und ihrem Schicksal auseinandersetzen. Das kann uns helfen, zu verstehen, was sich in der Zwischenzeit verändert hat. Alle wissen, dass Marx ein polischer Gegner der Bourgeoisie und des Kapitals war. Aber nur wenige sind sich darüber bewusst, dass er dieselbe Klasse sowie ihre grandiosen Errungenschaſten gleichzeig bewunderte. Ja man könnte sagen, dass Marx gewisser Weise der epische Dichter der Bourgeoisie und ihrer Unternehmungen war. Aber was bedeutet hier „episch“? Nach Hegels berühmter Definion beschreibt der Epos »die Totalität einer Welt- und Lebensanschauung, deren vielseiger Stoff und Gehalt innerhalb der individuellen Begebenheit zum Vorschein kommt« 2 ; und weiter, »eine in die Totalität ihrer Zeit und naonalen Zustände verzweigte Handlung« 3 . Nun, vorausgesetzt, man versteht hier die »verzweigte Handlung« nicht mehr nur in einem naonalen, sondern in einem internaonalen Sinn, und sieht im Protagonisten dieser Handlung nicht ein einzelner Held, sondern ein gesellschaſtliches Kollekv, dann passt der hegelsche Epos-Begriff ganz und gar auf das von Marx geschilderte Ereignis der Eroberung und Kolonisierung der Welt durch die Bourgeoisie. In der Tat wimmelt es in Marx´ Werk an lebendigen Bildern ja, sozusagen, an Szenen, die suggerieren, dass der Ort dieser großen epischen Unternehmung inzwischen nicht mehr nur eine besmmte Region, sondern die Welt in ihrer Totalität ist. Im Manifest, das ja bekanntlich in erster Linie von Marx verfasst wurde war, finden wir einige hierfür bedeutsamste Stellen. Ich belasse es beim folgenden Beispiel: An die Stelle der alten lokalen und naonalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tri ein allseiger Verkehr, eine allseige Abhängigkeit der Naonen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geisgen Produkon. [...]Die naonale Einseigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen naonalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur 4 . Im Begriff der Weltliteratur ist hier nicht nur eine Anspielung auf die globale Verbreitung des 1 F. More, Der Bourgeois. Eine Schlüsselfigur der Moderne . Aus dem Engl. von Frank Jakubzik, Berlin, Suhrkamp, 2014, S. 13. 2 G. W. F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhek III, in: ders., Werke, Bd. 15, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1970, S. 393. 3 Ebd., S. 339. 4 K. Marx/ F. Engels, Manifest der Kommunisschen Partei , in: dies., Werke, Bd. 4, Berlin, Dietz, 1972, S. 466. 1