Gibt es ein Weltfunktionssystem für Intimbeziehungen? Jenseits des Spannungsverhältnisses von Kulturalismus und Westzentrismus Takemitsu Morikawa Einführung 1 Das Thema Liebe zirkuliert in der gegenwärtigen Weltgesellschaft in ver- schiedenen Repräsentationsmedien wie Liebesromanen, Musik, Fernseh- dramen, Kinofilmen, Comics, Videospielen und dergleichen und wird überall wegen seiner großen Popularität konsumiert. Liebesfilme aus Hol- lywood laufen heutzutage in Kinos überall auf der Welt. Fernsehserien wie Sex and the City erlangten nicht nur in den USA und Westeuropa, sondern auch in Japan und Südostasien große Beliebtheit. In entgegengesetzter Richtung kommen sogenannte Bollywoodfilme beim westlichen Publikum ebenfalls sehr gut an. 2 Dieses Phänomen des »globalen Konsums der Lie- be« verleitet häufig zu der Annahme, dass die Liebessemantik moderner und westlicher Prägung die romantische Liebe universal gültig sei. In den betreffenden Medien wird Liebe zumeist naturalisiert, also als ein na- türliches, wesentliches Gefühl dargestellt. 3 Doch ist die romantische Liebe ein universelles Phänomen oder ein Produkt der westlichen Moderne? Wenn die Liebe ein globales Phänomen ist, wie ist es zustande gekommen? Können wir dann in der funktional differenzierten Weltgesellschaft neben Weltpolitik, Weltwirtschaft, Weltwissenschaft u. ä. auch vom »Weltintim- system« sprechen? Wenn es ein Weltsystem für intime Beziehungen gibt, —————— 1 Die Abschnitte von 1 bis 5 sowie der Abschnitt 7 des vorliegenden Beitrags stützen sich auf den Einführungstext des von mir herausgegebenen Sammelbandes Morikawa, Die Welt der Liebe. Zur Aufnahme in den vorliegenden Band habe ich ihn modifiziert und er- gänzt. 2 Vgl. Fuchs, »Bollywood und Liebe«. 3 Vgl. Padilla, Love and globalization.