Fremdeln in der Öffentlichkeit Haben wir der Gesellschaft nichts mehr zu sagen? Vincent Gengnagel und Alexander Hirschfeld Beitrag zur Ad-Hoc-Gruppe »Öffentliche Soziologie: Die Soziologie und ihre Publika« Einleitung Im Unterschied zu heute war die Soziologie der Nachkriegszeit ganz selbstverständlich ‚öffentlich‘. Das lag vor allem daran, dass die Disziplin Bestandteil eines lebendigen intellektuellen Feldes war. Dieses bestand auf Seiten des damals relevanten Publikums aus für die Soziologie empfänglichen Laien 1 , die in weiten Teilen durch ein humanistisch geprägtes Bildungssystem sozialisiert waren. Soziologie unter- schied sich zwar vom Alltagswissen, versprach aber damit einer politisierten Öffentlichkeit sozialwis- senschaftliche Aufklärung. Daraus ergab sich für die Soziologie eine gesellschaftlich relevante Position, von der aus „inkompetente, aber legitime Kritik“ (Lepsius 1964: 88) geübt werden konnte. Sozialwis- senschaftliche Intellektuelle konnten sich so als Erklärerinnen sozialer Krisen oder gar Sprachrohr wirkmächtiger sozialer Bewegungen inszenieren ohne ihren wissenschaftlichen Anspruch aufzugeben. Heute ist die Möglichkeit einer soziologischen Öffentlichkeit völlig anderen strukturellen Vorausset- zungen unterworfen: So ist das politisierte bürgerliche Publikum, vor dem man sich als ‚kritisch‘ heroi- sieren konnte, weitgehend verschwunden. Das Verhältnis zwischen Soziologie und Öffentlichkeit, so unsere These, hat sich damit ins Gegenteil verkehrt. Anstelle der Intellektuellen, die sich selbstbewusst im eigenen Metier bewegen (Gesellschaftstheorie in Feuilleton und mehrfach aufgelegte Monogra- phie), handelt es sich bei der gegenwärtig geforderten „öffentlichen Soziologie“ (Burawoy 2005) um den Versuch einer Grenzüberschreitung. Dies wird erkennbar, wenn sich die Sozialwissenschaftlerin-nen bei Twitter und auf Blogs in offensichtlich fremdem Terrain bewegen. Im Sinne des „spezifischen Intellektuellen“ (Foucault 2003) muss gesellschaftliche Relevanz durch professionelle Kenntnis oder Orientierung an medialen Debatten immer wieder aufs Neue erarbeitet werden. Das aber scheint der Soziologie schwerzufallen: Während wir den diesem Papier zugrundeliegenden Text im Panel „Öffentli-che Soziologie: Die Soziologie und ihre Publika“ auf dem 38. DGS-Kongress in Bamberg 2016 vortru- 1 Im Folgenden verwenden wir in loser Abfolge die maskuline oder feminine Form, ohne damit ver- schleiern zu wollen, dass die Sozialfigur des öffentlichen Soziologen in erster Linie männlich besetzt ist – ähnlich dem Intellektuellen; vgl. Barbara Vinkens (2010) Beitrag „Die Intellektuelle: gestern, heute, morgen“, in dem sie herausarbeitet, inwiefern der Intellektuelle auch heute noch „nicht bloß dem grammatischen Geschlecht nach männlich“ ist.