1850 Materialistische Geschichtsauffassung Christian Fleck Für die eilige Leserin Karl Marx (1818-83) entwickelte Theorien, die nach heutiger Praxis in verschiedene Disziplinen der Sozial- und Humanwissenschaften fallen. Neben seiner ökonomischen Theorie, die er Kritik der politischen Ökonomie nannte, formulierte er auch umfangreiche Darlegungen zur geschichtlichen Entwicklung und zu Fragen der Politik und Gesellschaft (Klassenkampf). Als materialistische Geschichtsauffassung (auch: historischer Materialismus) wird jener Teil seiner Ideen bezeichnet, der eine allgemeine Theorie der sozialen Entwicklung umfasst. Neben der Darstellung der verschiedenen Produktionsweisen, die es in der Geschichte gegeben habe (Urgesellschaft Sklavenhaltergesellschaft Feudalismus Kapitalismus), entwerfen Marx und sein Freund und Mitarbeiter Friedrich Engels auch eine Theorie darüber, wie soziale Teilsysteme (so nannte man das erst ein Jahrhundert nach Marx) ineinandergreifen: Das Basis-Überbau-Modell bildet den Kern eines der wirkmächtigsten sozialwissenschaftlichen Theoriegebäude. Demnach bestimme die Art der materiellen Produktion einer gegebenen Gesellschaft die Gedanken, Ideologien und Denkgewohnheiten, wobei sich die mit den Interessen der Herrschenden übereinstimmenden Ideen und Praktiken gegen Konkurrenten durchsetzen. Diese Anschauung wurde und wird in unterschiedlichen Ausprägungen propagiert, wobei eine schwache Deutung heutzutage von der überwiegenden Mehrheit geteilt wird: Materielle Interessenslagen bestimmen, was jemand anstrebt und wie die Welt gesehen und gedeutet wird. Die starke Interpretation, wonach der ideelle Überbau eine Widerspiegelung der materiellen Verhältnisse sei, wird hingegen kaum noch verteidigt. Vorgeschichte Woraus die Welt rund um uns besteht und welche Kräfte in ihr Veränderungen hervorrufen können, sind philosophische Fragen, die schon sehr früh diskutiert wurden. Schon in der griechischen Antike gab es Philosophen, die sich als Materialisten bezeichneten oder materialistische Ansichten vertraten. Die Betonung, dass, was die Welt im Inneren zusammenhalte und bewege, materiellen, dinglichen Ursprungs sei, ist charakteristisch für Materialisten; ebenso die Ablehnung nicht fassbarer Entitäten, wie Seele, Geist oder Idee. Mehr als zweitausend Jahre später, in der Epoche der Aufklärung, griffen Philosophen, die sich zum Teil auch schon als Fachleute spezifischer wissenschaftlicher Fachrichtungen sahen, auf solche Denkfiguren zurück und radikalisierten sie in zwei Richtungen. Zum einen konkretisierten sie das Materielle als Maschinen, zum anderen identifizierten sie ihre philosophischen und weltanschaulichen Gegner als Parteigänger der (christlichen) Religion und der diese verkörpernden Kirche. Julien Offray de La Mettrie (1709-51) wurde berühmt dafür, dass er meinte, der Mensch sei am besten zu verstehen, wenn man ihn sich als Maschine vorstelle. Ludwig Feuerbach (1804-72) kann als Vertreter der Religionskritik angeführt werden, der die grundlegenden Annahmen allen religiösen Denkens als Projektion entlarvte. Gott und alle anderen transzendenten Vorstellungen der Religionen sind für ihn so etwas wie eine ins Jenseits verfrachtete Lösung diesseitiger Probleme. Daneben gab es gleichermaßen einflussreich idealistische und eine Menge populärer Vorstellungen, die den Aufklärern als obskur und schlecht begründet erschienen. Vorherrschend waren beispielsweise Gedanken über die Beauftragung der Könige und anderer Herrscher durch Gott selbst, die, was immer sie taten, dann auch als göttlichen Auftrag ausgaben. Natürlich fürchteten sich gewöhnliche Menschen, aber auch die Höhergestellten und Gebildeteren vor dem Jüngsten Gericht und dem, was ihnen im eigentlichen Reich, dem jenseitigen, bevorstehen würde. Einer der einflussreichsten Philosophen der Zeit um 1800 war der in Berlin lehrende Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Seine Vorstellungen über den Motor der historischen Veränderung sind stark geprägt durch