Vortrag im Rahmen der Kieler Woche 2019 an der Theologischen Fakultät der Christan Albrechts-Universität zu Kiel, 26 Juni 2019 POPULISMUS, VOLK UND POLITIK ALS HERAUSFORDERUNG FÜR EINE ÖFFENTLICHE THEOLOGIE Rudolf von Sinner * „Ein Gespenst geht um in der Welt – der Populismus“. 1 Dies stellten die Sozialwissenschaftler Ghita Ionescu und Ernest Gellner bereits vor fünfzig Jahren fest, als sie auf einer interdisziplinären Tagung an der London School of Economics das Phänomen zu definieren suchten. Es verwundert kaum, dass es ihnen nicht gelang, zu einem Konsens zu kommen. 2018 stand eine Tagung in Berlin unter dem Titel: „Die Kirchen als Akteurinnen für Gerechtigkeit und gegen Populismus“. Nach sehr interessanten und durchaus kontroversen Beiträgen aus den verschiedenen Kontinenten, die Populismus nicht nur in hohem Bogen verwarfen, sondern auch zu würdigen versuchten, wurde der Titel für die Publikation geändert – da steht jetzt: „Der Exklusion widerstehen. Globale theologische Antworten auf den Populismus“. 2 Der in Princeton lehrende deutsche Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller gibt zwar zu, dass Populismus „bisweilen auch positive Effekte für die Demokratie zeitigen“ könne, an sich jedoch „nicht demokratisch, ja der Tendenz nach zweifelsohne antidemokratisch ist“. 3 Populismus verkündet, so Müller: „Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk“. 4 „Populisten sind zwangsläufig antipluralistisch: wer sich ihnen entgegenstellt und ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch bestreitet, gehört automatisch nicht zum wahren Volk“. 5 Schließlich handle es sich um „eine ganz bestimmte Politikvorstellung, laut der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen – wobei diese Art von Eliten eigentlich gar nicht wirklich zum Volk gehören.“ 6 Demgegenüber verteidigt der argentinische politische Philosoph Ernesto Laclau Populismus als eine diskursive Strategie, eine politische Logik, in der sich „ein globales politisches Subjekt“ je neu konstituiert, das „eine Vielfalt von sozialen Forderungen vereint“. 7 Populismus ist für Laclau nicht eine gefährliche Abart von Demokratie und ihre Bedrohung, sondern gerade deren notwendige Existenzform. In meinem gegenwärtigen Kontext, in Brasilien und Lateinamerika, ist der Populismus jedenfalls auch positiv konnotiert, wie ich zeigen werde. Auf unserem Kontinent wird Populismus traditionellerweise eher mit dem linken politischen Spektrum in Verbindung gesehen. Nichtsdestotrotz gab es bei den Wahlen in Brasilien letztes Jahr einen heftigen * Geboren 1967 in Basel, Schweiz, Dr. theol. habil. Von 2003-19 Professor für Systematische Theologie, Ökumene und interreligiösen Dialog an der Faculdades EST in São Leopoldo, Rio Grande do Sul, Brasilien, Prorektor für postgraduierte Studien und Forschung und Direktor des Ethik-Instituts. Im März 2019 folgte er einem Ruf an die Päpstliche Katholische Universität von Paraná in Curitiba auf eine Professor für Systematische Theologie. Er ist dort auch designierter Vorsteher des Postgraduiertenprogramms für Theologie. Seit 2013 ist er außerdem ausserordentlicher Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Stellenbosch in Südafrika. 1 Ghita Ionescu/Ernest Gellner (Hg.), Populism: Its Meaning and National Characteristics, London 1969, 1; zitiert bei Jan-Werner Müller, Was ist Populismus? Ein Essay, Frankfurt 5 2017, 15. 2 Eva Harasta/Simone Sinn (Hg.), Resisting Exclusion. Global Theological Responses to Populism, Leipzig 2019 (im Druck). Die genannte Tagung stand unter dem Titel Churches as Agents for Justice and Against Populism und fand vom 2.-4. Mai 2018 im Dietrich-Bonhoeffer-Hotel in Berlin statt; sie wurde u.a. von der Evangelischen Akademie, dem Lutherischen Weltbund und von Brot für die Welt verantwortet. 3 Müller, Was ist Populismus? (Anm. 1), 14. 4 Müller, Was ist Populismus? (Anm. 1), 19. 5 Ebda. 6 Müller, Was ist Populismus? (Anm. 1), 42. 7 Ernesto Laclau, On Populist Reason, London/New York 2007, 117, meine Übersetzung.