ZkT 36 – 37 / 2013 Sebastian Tränkle Die materialistische Sehnsucht Über das Bilderverbot in der Philosophie Theodor W. Adornos »Die Unerforschlichkeit der Idee der Freiheit schneidet aller positiven Darstellung gänzlich den Weg ab.« Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft Fundamentale Feindschaft gegenüber Bildern erscheint heute als Anachro- nismus, zumal wenn sie im Gewand religiöser Sentimente auftritt. Das sollte man zumindest meinen, schenkte man einem Trend in den Kultur- wissenschaften Glauben, der davon ausgeht, dass unsere gesellschaftliche Realität von einer Omnipräsenz der Bilder bestimmt wird. Eine »kriti- sche Bildwissenschaft« propagiert mit diesem Befund einen Paradigmen- wechsel, den »Iconic Turn«, 1 um der kulturellen Dominanz des Visuel- len in der Gegenwart gerecht zu werden. Zugleich nimmt nicht nur das kulturkritische Lamento über die Omnipräsenz der Bilder zu, sondern es setzt sich auch eine längst überwunden geglaubte ikonoklastische Tradi- tion fort. Im Jahr 2001 zerstörten Taliban-Milizen im afghanischen Ba- miyan ein weltberühmtes »Kulturdenkmal«: 1500 Jahre alte, gigantische Buddha-Statuen felen dem Sprengstoff zum Opfer. Dieser symbolträch- tige Bildersturm war eine Präsentation von Macht, die ex negativo auf die eigentümliche Macht von Bildern selbst verweist – eine Macht, der eine das »Ende der Kunst« und den »Verlust der Aura« verkündende Moderne vermeinte, entkommen zu sein. Zwar war das internationale Entsetzten über die »barbarischen« Zerstörungen wertvollen Kulturerbes noch ein- hellig, doch brachte wenige Jahre später die Feuilletonmaschinerie großes Verständnis dafür auf, dass zuerst eine Reihe von Karikaturen, dann zwei Folgen einer TV-Cartoon-Serie und schließlich mehrfach das Cover eines Satiremagazins Eruptionen sich religiös legitimierender Gewalt nach sich 1 Vgl. exemplarisch Gottfried Boehm: »Die Wiederkehr der Bilder«, in: ders. (Hg.): Was ist ein Bild?, München 1994 (S. 11-38), S. 13.