„Und sie schämten sich nicht ..." (Gen 2,25). Zur alttestamentlichen Anthropologie der Scham im Spiegel von Gen 2-3 „Die reine Scham ist nicht das Gefühl, dieser oder jener tadelnswerte Gegenstand zu sein; sondern überhaupt ein Gegenstand zu sein, das heißt, mich in einem degradierten, abhängigen und starr gewordenen Gegenstand, der ich für Andere geworden bin, wiederzuerkennen“ 1 . J.- P. Sartres Analyse des vergegenständlichenden Blickes des anderen in „L’être et le néant“ sucht ihresgleichen, wenn es um eine ‚dichte Beschreibung’ der Scham als einer menschlichen Grunderfahrung geht. Der umtreibende Gedanke „Was mögen die anderen nun über mich denken?“ zeigt das Schamgefühl als einen sozial angestoßenen, selbstbezüglichen Affekt, der einerseits für den Erwerb sozial erfolgreicher Verhaltensweisen notwendig ist, andererseits Anpassung an gesellschaftliche Normen und Konventionen und damit auch Konformität fördert; 2 sie offenbart zugleich die Verwandtschaft von Schamgefühl und dessen spiegelbildlicher Entsprechung, dem Stolz: Das Schamgefühl stellt sich bei (vermeinter) Entehrung ein, Stolz bei (vermeinter) Anerkennung durch andere. 3 Das selbstmindernde Gefühl der Scham erwacht, wenn „etwas, das der einzelne als zu seiner Intimsphäre gehörend betrachtet“ 4 , öffentlich wird, wenn er gar im Kern des eigenen Wesens von ‚bedeutenden anderen’ („significant 1 So die Übersetzung von J. Streller (in: J.-P. Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, Reinbek bei Hamburg 1962, 381, im Original: „La honte pure n’est pas sentiment d’être tel ou tel objet répréhensible; mais, en général, sentiment d’être un objet, c’est-à-dire de me reconnaître dans cet être dégradé, dépendant et figé que je suis pour autrui“; J.-P. Sartre, L’être et le néant. Essai d’ontologie phénoménologique, Paris 1950, 349 (Hvbg. jeweils im Orig.). 2 Zu Untersuchungen über das Fehlen des Schamgefühls bei Störungen wie Exhibitionismus, Masochismus u.a. s. Tisseron, Scham, 26ff. 3 S. hierzu M. Lomen, Sünde und Scham im biblischen und islamischen Kontext. Eine ethno-hermeneutischer Beitrag zum christlich-islamischen Dialog (Edition Afem. Mission scripts 21), Nürnberg 2003 69f.166 u. passim; Tisseron, Scham, 20ff; S.M. Olyan, Honor, shame, and covenant relations in ancient Israel and its environment, JBL 115 (1996) 201-218204; L.M. Bechtel, Shame as a Sanction of Social Control in Biblical Israel: Judicial, Political, and Social Shaming JSOT 49 (1991) 47-76, 49f; J. Dietrich, Über Ehre und Ehrgefühl im Alten Testament, in: B. Janowski / K. Liess (Hg.), Der Mensch im alten Israel. Neue Forschungen zur alttestamentlichen Anthropologie (HBS), Freiburg u.a. 2008 (im Druck). An dieser Stelle sei Jan Dietrich, Leipzig, ausdrücklich gedankt, dass er mich sein Manuskript noch vor der Veröffentlichung hat einsehen lassen. 4 Tisseron, Scham, 17.