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VSwg 105 , 2018/1 , 133 –134
David Jünger
Jahre der Ungewissheit. Emigrationspläne deutscher Juden 1933–1938
(Schrifen des Simon-Dubnow-Instituts 24). Vandenhoeck & Ruprecht, Götingen
2016 , 440 S., 70, 00 €.
Die Emigration der deutschen Juden bis 1938 begreif der Vf. in dieser Studie, der seine 2013 an der
Universität Leipzig angenommene Doktorarbeit zugrunde liegt, nicht als Flucht, sondern als Ent-
scheidung für Auswanderung bzw. Bleiben. Sehr richtig plädiert er dafür, die Entscheidungsprozes-
se nicht vom Ende der nationalsozialistischen Judenpolitik, dem Holocaust, sondern in ihrer Zeit
in den Blick zu nehmen, als der Ausgang noch ofen erschien, was bis 1938 der Fall war.
Sprachlich gewandt und mit großer Sachkenntnis nähert er sich seinem Tema auf vier Ebenen,
die er zunächst analytisch trennt, um sie dann als Einheit zu betrachten: Er verfolgt die öfentlichen
jüdischen Debaten zur Emigration, fragt, welche internen Diskussionen die jüdischen Organisa-
tionen führten und wie sie die Emigration in ihrer Arbeit verorteten, welche Pläne jüdische politi-
sche Akteure entwickelten und schließlich, nach welchen Kriterien sich die individuelle Lebenspla-
nung der Einzelnen vollzog. Mit diesem Vorgehen gelingt ihm ein diferenzierter neuer Blick auf die
Diskussions- und Entscheidungsprozesse.
Diese nimmt er in drei Hauptkapiteln chronologisch in den Blick, für die Jahre 1933/34 als „Wei-
marer Verlängerungen“. Die jüdischen Organisationen riefen in der Debate ungeachtet ihrer jewei-
ligen Richtung zum Bleiben auf: zum Kampf für Gleichberechtigung und Emanzipation (Liberale),
zur Stärkung jüdischen Selbstbewusstseins (Zionisten) bzw. zur Rückbesinnung auf den Glauben
(Orthodoxe). Im Laufe des Jahres 1934 rückte die Emigration auf der Prioritätenliste weiter nach
vorn, war aber immer noch eher zur Entlastung der jüdischen Gemeinschaf in Deutschland ge-
dacht. Aus der historischen jüdischen Erfahrung boten sich den Organisationen Lösungsstrategien
wie materielle Hilfestellung, diplomatischer Druck und eine Wohlfahrts- wie Emigrationspolitik an
(S. 323). Dafür suchten die politischen Akteure Wege der Kommunikation mit den neuen Macht-
habern. Noch war die Emigration nicht Ziel jüdischer Politik, sondern Ausdruck einer Niederlage.
Jüdische Individuen werteten – anders als nichtjüdische Zeitgenossen, die in ihren Tagebüchern
die NS-Machtübernahme mehrheitlich als „Beginn einer neuen Zeit“
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, die ihr Leben verändern
würde, notierten – diese eher als Fortsetzung der Krisen in der Endphase der Weimarer Republik.
In den Jahren 1935/36 verschoben sich die Gewichte. Zwar wurden die Nürnberger Gesetze
von einem Teil der jüdischen Bevölkerung als weniger bedrohlich wahrgenommen als diese im
Nachhinein gewichtet wurden, aber sie beendeten für alle deutlich die jüdische Emanzipation. Nun
fanden wieder antisemitische Krawalle auf den Straßen stat, für die deutschen Juden folgte ein
„Alltag im Ausnahmezustand“ (S. 179). Zudem spitzte sich die internationale Situation zu. Jünger
konstatiert für 1936 einen „Dämmerzustand“ (S. 238), für 1937 das „Wendejahr“. Emigration wurde
nach 1935 nicht mehr grundsätzlich, sondern befürwortend unter technischen und organisatori-
schen Aspekten behandelt. Dennoch kam es nicht zu einer zentralen Emigrationsplanung, und die
Erweiterung des Haavara-Abkommens auf Übersee-Auswanderung scheiterte. Dabei arbeiteten die
jüdischen Organisationen durchaus erfolgreich. Für viele Individuen wiederum stand die Emigrati-
on 1935 fest, war damit aber noch keineswegs realisiert.
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© Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2018