OSTEUROPA, 69. Jg., 5/2019, S. 73–89 Klavdia Smola Alternative statt Protest Pragmatische Wende in der neuen russischen Kunst Russische Aktionskünstler wie Pavel Pavlenskij oder die Gruppe Pussy Riot haben mit ihren spektakulären Aktionen international Aufmerksamkeit erregt. Dieser „heroische“ Protest wurde jedoch – nicht zuletzt aufgrund seines Scheiterns – bereits seit Mitte der 2010er Jahre von einer neuen Form des Widerstands gegen das autoritäre Regime abgelöst. Gruppen wie Partizaning und ZIP setzen nicht mehr auf Konfrontation mit der Staatsmacht, sondern auf Transformation der Gesellschaft – mit den Mit- teln partizipativer Kunst. Es geht ihnen etwa um eine neue Deutung und humane Gestaltung des Stadtraums. Viele Projekte greifen ästhetisch und politisch die sowjetische Kunst aus den frühen 1920er Jahre auf, fügen sich aber auch in die engagierten Performances der globalen Do-It-Yourself- Bewegung und der westlichen minimalistischen Kunst der 1960er Jahre sowie in den globalen Trend zur „relationalen Ästhetik“. Die Unifizierung der politischen Ordnung und öffentlichen Meinung in Russland hat in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer (Re-)Politisierung von Kunst und Literatur geführt. Im Jahr 2019 kann man bereits auf eine längere Entwicklung alternativer Kultur in der „Putin-Ära“ zurückblicken und einen Vergleich zwischen der heutigen regimekritischen Kunst und dem spätsowjetischen Underground wagen. 1 Seit den 2000er Jahren stellen sich bedeutende Künstler mit ihrem politischen und ästhetischen Programm wieder der Staatsmacht entgegen. Sie tun dies mit performativen Analysen, dezidierter Nichtbeteili- gung oder provokativen Anti-Verfahren. Aufgrund der oft restriktiven, zentral gesteuer- ten (Kultur-)Politik sehen sie sich wie schon zu sowjetischen Zeiten in der Rolle intellek- tueller déconstructeurs des Staates und des – heute allerdings wesentlich heterogeneren – Mainstreams. In einer Situation, in der politische Kritik nur bedingt möglich ist oder keine breitere Wirkung entfalten kann, übernehmen ästhetische Aktivitäten – wie schon so oft in der Geschichte Russlands ‒ die Rolle einer alternativen Öffentlichkeit. Auch wenn diese Öffentlichkeit in Russland meistens marginal bleibt, unterwandert die enga- gierte Kunst dominante Deutungsmuster und konterkariert die vom Regime geförderten Tendenzen zur politischen und kulturellen Isolation. ——— Klavdia Smola (1974), Dr. phil, Professorin für Slavische Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Dresden Von Klavdia Smola ist in OSTEUROPA erschienen: Nonkonforme jüdische Literatur. Die Poetik des Widerstands und die Wiederentdeckung des Judentums in der späten Sowjetzeit, in: OE, 7/2011, S. 61–80. 1 Vgl. die Gegenüberstellung beider Perioden in: Klavdia Smola, Mark Lipovetsky (Hg.): Russia – Culture of (Non-)Conformity: From the Late Soviet Era to the Present [= Russian Literature, Vol. 96–98], 2018.