263 »Hiebei halte ich es für das Geeignetste, wenn ich, der Natur selbst folgend, hievon ausgehe, was die Menschen sich vorher zur Baukunst selbst aneigneten. Dies war, wenn ich mich nicht täusche, das Fällen von Bäumen und das Holz der Wälder […].« 1 Das Holz ist ein dem Menschen naher Bestandteil seines Lebens. Es ist Urmaterie zum Feuern, Urstoff zum Bilden von notwendigen, einfachen Dingen. Die große Nähe im Alltag mit aller Art von praktischen und sinnlichen Anwendungen spiegelt sich auch in der Sprache wider: Das Holz ist immer lebendig, es erhält menschliche Züge: Ein Holz- teil hat Kopf und Fuß, 2 es reißt, quillt, arbeitet und ächzt. »das holz wächst, wird ge- fällt, geschlagen, gehauen, geschunden, abgeschält […]: holz und unglück wachsen über nacht« 3 ; aber auch der Mensch fndet sich im Naturmaterial: »So stei f wie holz, als wenn kein leben in ihm wäre!«, heißt es bei Goethe. 4 Dabei ist oft jemand sogar aus gutem Holz geschnitzt oder ein ungehobelter Klotz, also ein guter bzw. unsensibler Mensch. Auf fabelhafte Weise verknüpft Carlo Collodis Holzfgur Pinocchio 5 die Lebendigkeit des Materials mit Zuschreibungen von Holzeigenschaften auf den Menschen. Die natürliche Nähe des Menschen zum Holz ist zwiespältig, vor allem seitdem der Mensch mächtig genug ist, es technisch zu beherrschen. Die lange Zeit der vielseitigen Nutzung bezeugt bei steigender Vertrautheit und Sicherheit im Umgang eine hochfexi- ble Verwendung des so einförmig und beschränkt aufgefundenen Materials bei zugleich stetiger Verankerung der Naturnähe durch den immerwährenden sichtbaren Holzbezug; die Ambivalenz zwischen Herrschaft und Demut gegenüber dem ewigen Urstoff lässt sich bis heute nachzeichnen, ja sie erreicht in der modernen Gestaltbarkeit von indus- triellen Produkten eine neue Dimension. Das Holzstück ist gleichsam ein Naturstück; in ihm verdichten sich gut sichtbar Leben und Wachstum. Neben dieser Verkündigung sei- nes natürlichen Charakters wird ihm aber auch, obwohl es aus dem lebenden Baum ge- schlagen und dem Fortleben und Wachstum entzogen wird, zu jeder Zeit ein Eigenleben zugeschrieben. Diese Lebendigkeit, die Wandelbarkeit in Bezug auf äußere Umweltein- füsse und die Eigenart der stofichen Beschaffenheit, stehen der Beherrschung durch gezielte Konstruktion entgegen; sie bilden das große Feld des schwelenden Zielkonfikts in der Holzkonstruktion mit jedem Schritt der Rafniertheit – mit Holz umgehen heißt, mit Naturholz arbeiten; und: wenn konstruieren, dann auch mit dem technisch Mög- lichsten. Damit steht die Holzkonstruktion auch heute zwischen abbilden und umbilden, dem Demonstrieren eines Naturstoffes und dem Herausbilden eines immer leistungsfä- higeren Werkstoffes. Zu verschiedenen Zeiten ermöglicht Holz übergeordnete formale und technische Konstruktionsbilder, die sich mitunter weit von einer einfachen, natür- lichen Materialverwendung entfernen. Dabei macht es ganz allgemein spekulative For- men erst materiell möglich oder tritt als Surrogat an die Stelle von anderen Baustoffen. KONSTRUKTIVE METAMORPHOSEN – HOLZ ALS IMMERWÄHRENDES SURROGAT Mario Rinke 1 Leon Battista Alberti, Zehn Bücher über die Baukunst, Darmstadt 1991, S. 77. 2 Ebd., S. 152; außerdem an dieser Stelle zu fnden ist das Abhören des Gesund- heitszustands: »Setzt man das Ohr an das eine Ende und empfängt man die Schläge, welche auf das andere Ende gegeben werden, nur dumpf und undeutlich, so ist das ein Zeichen, daß im Inneren eine Krankheit verborgen ist.«; später wird Aristoteles mit einer weiteren Organ- analogie ins Spiel gebracht: »Die Bäume hätten nämlich wie die Tiere statt der Haut außen die Rinde, statt des Fleisches das, was unter der Rinde liegt; statt der Knochen das, was das Mark umgibt, und die Knochen der Pfanzen seien den Mus- keln der Tiere sehr ähnlich […].« (S. 90) 3 Vgl. Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Band 10, Leipzig 1854–1961, Sp. 1763f. 4 Johann Wolfgang v. Goethe, »Der Groß-Cophta«, in: Dieter Borchmeyer, Peter Huber (Hrsg.), Johann Wolfgang Goethe. Dramen 1791–1832, Frankfurt am Main 1993, S. 49. 5 Carlo Collodi, Mario Grasso, Die Abenteuer des Pinocchio, Oldenburg 2011. Holz: Stof oder Form Amazakouè