1 Das Paradox der Toleranz zwischen politischer Theorie und zivilgesellschaftlicher Praxis: Soll man PopulistInnen zu Podiumsdiskussionen einladen? Pablo Hubacher Haerle * / Martin Beckstein † Schlüsselwörter: Populismus, Demokratie, Toleranzparadox, AfD Abstract: Wie soll die Zivilgesellschaft mit radikalen Akteuren wie PopulistInnen umgehen? Gilt es, den Dialog mit ihnen zu suchen oder zu vermeiden? Sollte man ihnen zuhören, sie sprechen lassen und argumentativ zu entlarven versuchen oder ihnen kein Forum bieten und so den Zugang zum gesellschaftlichen Diskurs erschweren? Der vorliegende Artikel will diese Fragen nicht einer normativ fundierten Beantwortung zuführen, sondern analysiert und systematisiert im öffentlichen Diskurs bereits kursierende Antworten. Konkret liegt der Fokus auf Stellungnahmen, die anlässlich der Einladung der AfD-PolitikerInnen Alice Weidel und Marc Jongen an die Oxford Union (2018) bzw. an das Zürcher Theater Gessnerallee und das Hannah-Arendt-Center in New York (beide 2017) vorgebracht wurden. Es erweist sich, dass die Kontroversen einerseits auf demokratietheoretische Grundsatzfragen zurückfielen und andererseits den konkreten Kontextbedingungen der jeweiligen Events zu wenig Bedeutung schenkten. Abstract: How should civil society deal with radical actors such as populists? Should democrats engage in an open dialogue or avoid the confrontation? Should they listen to them, let them speak and try to expose them argumentatively, or should they deny them any kind of public plattform? Rather than providing a normative answer to these questions, this article analyzes and systematizes responses that are already circulating in public discourse. In particular, we focus on reactions to the invitations of the AfD politicians Alice Weidel and Marc Jongen to the Oxford Union (2018), the Zurich Theater Gessnerallee as well as the Hannah Arendt-Center in New York (both 2017). We will show that the debates gave excessive weight to fundamental questions of democratic theory while marginalizing the specific context factors of the events. Because of this, the populists eventually gained the moral victory. (Rechts-)Populistische Bewegungen konnten in den vergangenen Jahren beachtliche Wahl- und Agendasettingerfolge in europäischen Staaten feiern. Die Forschungsliteratur insbesondere zur Konzeptualisierung des Phänomens und regionalen Besonderheiten expandiert dementsprechend. 1 Der Frage jedoch, wie mit PopulistInnen konkret umzugehen ist, wurde bislang nicht systematisch nachgegangen. Dabei spaltet sie die Wissenschaftsgemeinde ebenso wie die breitere Öffentlichkeit. Selbstverständlich stellt sich die Frage nach dem Umgang mit PopulistInnen nur mit Nachdruck, wenn man im Populismus eine systemkritische und gefährliche Kraft sieht. Auf Populismusverharmlosende muss die Frage hysterisch, auf Populismusaffine wie eine Zumutung wirken. Aber ein Großteil der akademischen und * B.A. Pablo Hubacher Haerle, Universität Zürich / ETH Zürich. Kontakt: pablo.hubacher@icloud.com † PD Dr. Martin Beckstein, Universität Zürich. Kontakt: martin.beckstein@philos.uzh.ch 1 Vgl. z.B. Hildebrand 2017; Januschek / Reisigl 2014; Schemer et al. 2018; Schroeder et al. 2017.