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Krisenkommunikation und Strukturwandel
Zur Verlaufsdynamik intermedialer
Krisenkommunikationsprozesse
Thomas Malsch, Michael Florian, Marco Schmitt
I. Einleitung
Es ist schon bemerkenswert, dass die Soziologie, die einst ihren Autonomiean-
spruch gegenüber anderen Disziplinen als „Krisenwissenschaft“ (Comte, Saint-
Simon) behauptete, so wenig zur Analyse der aktuellen Finanz- und Wirtschafts-
krise beigetragen hat.
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Stattdessen hat sie den neuen Krisendiskurs weitgehend
ihren Schwesterdisziplinen überlassen – allen voran den Wirtschafts-, Politik-,
und Medienwissenschaften. Woran liegt das? Die Zurückhaltung der Soziologie
könnte möglicherweise damit zu tun haben, dass sie über keine tragfähigen Be-
griffe und Methoden verfügt, um gesellschaftliche Krisen zu analysieren und ihre
Tragweite einzuschätzen. Tatsächlich hat der soziologische Krisenbegriff, wie
ein Blick in einschlägige Archive und Fachlexika belegt, seine vormals zentrale
Stellung im soziologischen Diskurs weitgehend eingebüßt und führt seit den
1980er Jahren kaum mehr als ein Schattendasein. Dagegen hat sich seit Aus-
bruch der Finanzkrise im Herbst 2008 eine inflationäre Krisenrhetorik im öffent-
lichen Diskurs breit gemacht, die von Ratlosigkeit zeugt und Analysebedarf an-
zeigt.
Um den soziologischen Krisenbegriff analysetauglich zu machen, wol-
len wir ihn aus den Archiven der soziologiehistorischen Betrachtung hervorholen
und eine Neuausrichtung vorschlagen. Der Vorschlag lautet, (1) den Krisenbe-
griff umfassender zu konzipieren, statt auf Wirtschaftskrisen zu fokussieren, (2)
und Krisen anhand von Krisenkommunikation zu beobachten. Wir wollen unse-
rem Vorschlag eine Arbeitsdefinition voranstellen, die von der älteren Krisenfor-
schung inspiriert ist (Robinson 1968; Koselleck 1976a/b, 1982, 1986, 2009; Offe
1972; Habermas 1973; Opp 1978; Bühl 1984; Prisching 1986), aber Kommuni-
kationsreferenzen und Verlaufsdynamiken schärfer akzentuiert. Danach sind
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Zu den wenigen Ausnahmen gehören Lounsbury/Hirsch (2010). Außer im „Leviathan“ ist die ak-
tuelle Finanzkrise bislang in keiner der deutschsprachigen Soziologiezeitschriften analysiert worden.
T. Malsch, M. Schmitt (Hrsg.), Neue Impulse für die soziologische Kommunikationstheorie,
DOI 10.1007/978-3-658-00224-4_8, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014