Peter Melichar Alter, neuer und verlorener Reichtum Eine Skizze zu den großen Vermögen im Österreich der Zwischenkriegszeit Reichtum hat unterschiedliche Bedeutungen. Die Ausdrücke .,reich", ,,die Reichen", werden- selbst wenn man von den nicht -ökonomi- schen Konnotationen absieht- selten in einem präzisen oder eindeutigen Sinn verwendet. 1 In einem ökonomischen Sinne können Volkswirtschaf- ten, Städte, Klöster, Vereine, Familien oder Einzelpersonen reich im Sinne von materiellem Eigentum sein. Hier geht es nun um eine Problemskiu.e anband der Situation vermögender Personen, also den individuellen Reich- tum einzelner (nicht juristischer) Personen, wenn auch der Reichtum ein- zelner von dem ihrer Familien in der Forschungspraxis oftmals nicht scharf getrenntwerden kann. 1 Im Zentrum der Überlegungen steht die Frage nach dem Erhalten, Erwerben und Verlieren materiellen Reichtums. Dabei zeigt sich, dass die Frage nach der Rolle des Reichtums bzw. der großen Vermögen sowohl von der zeitgenössischen Forschung-3 als auch Peter Melichar, .... Es ist nicht möglich, im Rahmen dieses Artikels auf die Begriffsgeschichte einzugehen. Doch schon der entsprechende Artikel im Zedler'schen "Universal-Lexikon" aus dem 18. Jahrhundert legt ein Schwergewicht aufdiewirtschaftliche Bedeutung: ,.Reichthum ( ... ) ist ein solcher Vorrath von zeitlichen Gütern, daß man mehr hat, als man brauchet. Man braucht Vermögen zu seiner Nothdurft, Bequemlichkeit und zum Wohlstande, so wohl aufdie gegenwärtige, als künftige Zeit. Wer nun mehr hat, als er wahrscheinlich braucht, der ist reich, folglich bestehet der Reichthum in einem Überflusse." Reichthum. In: Grosses vollständiges Universal-Lexikon Aller Wissenschafren und Künste( .•• ), 31. Bd. Leipzig und Halle 1742, S. 198-215. Doch der Begrill"besitzt einegroßeliemantischeSpannweite und ein entsprechendes metaphorisches Potenzial in alle möglichen Richtungen. Daraufhat Ludwig Mises 1922 hingewiesen: "Man bezeichnet alle Angehörigen einer in Gemeinschaft lebenden Familie als reich, mag auch rechtlich der Reichtum nur des Vaters liein." Lrtdtvig Mises: Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen Uber den Sozialis- mus. Jena 1922, S. 16; auch Schumpeter liprichtvon ,.,Familienindividuen", die Vermö- gen gewinnen und wieder verlieren und dementsprechend sozial auf- und wieder ab- steigen. joseph A. &humpeter. Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu {1927]. in: ders., Aufsätze zur Soziologie. Tübingen 1953, S. 174. Eine ältere Arbeit von Friedrich Leiter untersuchte die Einkommen anband der Ergeb- nisse der neuen Personaleinkommensteuer in Cisleithanien zwischen 1898 und 1904. 163