1 Domina Ratio Luther und Erasmus über Freiheit und Vernunft Jörg Noller 1. Einleitung Thema meines Beitrags ist die Frage, welche Rolle die menschliche Freiheit und Vernunft bei Luther und Erasmus spielen. Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da in beider Werke theologische und philosophische Fragestellungen aufs Engste verknüpft sind. Dementsprechend gliedert sich mein Beitrag. Ich werde zuerst die Auseinandersetzung beider Denker über die Freiheit des Willens darstellen. Dann wende ich mich Luthers Kritik der Vernunft als einem autonomen Vermögen des Menschen zu. Ich werde dafür argumentieren, dass Luthers Kritik des freien Willens eine Entsprechung in seiner Kritik der absoluten Vernunft hat. Es stellt sich allerdings die Frage, ob überhaupt ein systematisch-philosophischer Gehalt in Luthers Werk enthalten ist. Wie Oswald Bayer treffend bemerkt hat, steht Luther aus philosophischer Perspektive in dem schlechten Ruf, ein Verächter der Vernunft zu sein, die er an manchen Stellen gar als „Hure“ (meretrix) 1 diffamiert. Beyer merkt dazu: „Diese Fama ist schuld daran, dass sich seit Jahrzehnten kaum ein Philosoph für ihn interessiert – ganz im Unterschied zu der großen Aufmerksamkeit, die einem Augustinus, Thomas, Schleiermacher oder Kierkegaard von philosophischer Seite zuteil wird.“ 2 Ziel meines Beitrags ist es insofern, Luthers Polemik gegenüber der Vernunft als eine Kritik der Vernunft zu rekonstruieren, um diese auf systematische Argumente hin zu untersuchen. Dabei steht vor allem seine Schrift Vom unfreien Willensvermögen (De servo arbitrio) (1525) im Zentrum, welches wie kaum ein anderes im Ruf steht, un-, ja gar anti-philosophisch zu sein. Um Luthers Begriff der Philosophie gegenüber dem der Theologie zu profilieren, wende ich mich abschließend seinen Ausführungen in seiner Disputation Über den Menschen (De homine) (1536) zu. 2. Erasmus und Luther über Willensfreiheit 2.1 Versöhnte Freiheit 1 So etwa 2 Bayer (2003), 146.